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6. Ausgabe: Dezember 2008
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West-östlicher Dialog

Kai Neitzke ging als Auslandslehrer nach Taschkent

Dass die berufliche Laufbahn von Kai Neitzke in Usbekistan begann, war Zufall. Mit Abenteuerlust machte er sich auf in das zentralasiatische Land, um dort Deutsch zu unterrichten. Als besondere Bereicherung empfand er es, dass er sein didaktisches Wissen nicht nur bei seinen Schülern anwenden, sondern auch an seine usbekischen Kollegen weitergeben konnte. Doch Kai Neitzke musste auch mit den Problemen umgehen lernen, die Unterricht in einer Diktatur mit sich bringt.

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Die Steppe ist weit und der Sprit ist billig:
Kai Neitzke liebt es, mit seiner Freundin
auf dem Motorrad durch die einsame Landschaft zu heizen.
Foto: privat

Die meisten wissen gar nicht, wo Usbekistan liegt. So ging es mir auch. Aber als ich nach dem Referendariat im August 2004 von einer halbjährigen Südostasienreise zurück nach Berlin kam, waren die Einstellungsfristen für den Schuldienst längst abgelaufen und ich stand ohne Job da. Doch ein ehemaliger Kommilitone aus Potsdam hatte über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen eine Stelle als Bundesprogrammlehrer in eben diesem unbekannten Land angenommen. Er rief mich eines Tages an, dass dort noch eine Stelle unbesetzt sei, ob ich nicht Lust hätte…
Natürlich löste diese Option innerhalb meiner Familie nicht gerade Freudentaumel aus. Dennoch entschied ich mich, die Stelle in Usbekistans Hauptstadt Taschkent anzunehmen. Mir gab lediglich zu denken, dass ich als "Wessi" kein Wort Russisch spreche. Aber schließlich sollten meine Schüler ja Deutsch lernen. Allerdings - Deutschlehrer bin ich gar nicht, meine Fächer sind Englisch und Erdkunde. Aber auch das war kein Problem. Wenn man ein Lehramtsstudium mit zweitem Staatsexamen für eine moderne Fremdsprache vorweisen kann und dazu Deutscher ist, dann darf man als Auslandslehrer Deutsch unterrichten. Ziel ist es, die Schüler bis zum Sprachdiplomprogramm des Auswärtigen Amtes zu führen. Damit können ausländische Jugendliche an einer deutschen Universität studieren, ohne mit einem Sprachtest ihre Deutschkenntnisse erneut nachweisen zu müssen.
Vor der Abreise führte ich viele Telefonate mit Sachbearbeitern von Krankenversicherungen, Finanzämtern, Banken und der Rentenversicherung, aber niemand konnte mir verbindliche und klare Auskünfte geben, was sich alles ändert, wenn man den schützenden Schoß der Bundesrepublik verlässt. Es galt, teilweise extrem langfristige Entscheidungen zu treffen: Sollte ich mich beispielsweise komplett aus dem deutschen Sozialsystem ausklinken und eine Menge Geld sparen? Dann würde ich aber nicht so leicht wieder reinkommen. Da ist das deutsche Renten- und Sozialsystem eindeutig nicht flexibel genug.

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Deutschland trifft Usbekistan:
Mit den deutschen Didaktik-Tricks ist
Kai Neitzke bei Schülern und Kollegen beliebt.
Foto: privat

Was mir dann in Usbekistan als erstes auffiel: Da ist man wer als Lehrer! Im schnieken Anzug zu den Feierlichkeiten des 3. Oktobers in die Residenz des deutschen Botschafters, Empfang im Goethe-Institut: "Ah, der Herr Neitzke, angenehm Sie kennen zu lernen…". Wenn man als Deutschlehrer in Usbekistan arbeitet, wird aber auch mehr von einem erwartet, als guten Unterricht zu machen. Während sich der Lehrer in Deutschland in seinen Klassenraum verkriechen und in seinem Saft schmoren kann, soll der Auslandslehrer eine Multiplikator-Rolle übernehmen: Die einheimischen Lehrer sollen vom pädagogischen Wissen des deutschen Kollegen profitieren. An dieser Stelle wird der Auslandslehrer auch zu einem kleinen Diplomaten. Zwischenmenschliches und kulturelles Feingefühl ist hier sehr vonnöten - auf beiden Seiten. Der Deutsche darf nicht herablassend wirken und umgekehrt darf der verdiente Lehrer des Volkes nicht verächtlich auf diesen deutschen Jungspund schauen und von ihm keinen Rat annehmen wollen. Doch im Ernst: Bei zahlreichen Seminaren und Schulungen wurden besonders meine praktischen Pädagogik-Tipps mit Begeisterung aufgenommen. In diesem Bereich gab es einen echten Wissenstransfer Potsdam-Taschkent. Genau in diesem Punkt lag für mich auch eine große berufliche Bestätigung, gemischt mit einer Portion Spaß: Mir gefiel die Rolle als Seminarleiter für Kollegen, die zur Deutschlehrertagung aus dem letzten Winkel Kirgisiens oder den Bergen Tadschikistans angereist kamen, um dem "Seminar des Herrn Neitzke" beizuwohnen.
Der Lehreralltag in Taschkent ist noch in manch anderer Hinsicht nicht mit dem deutschen zu vergleichen. Während sich der innerdeutsche Lehrer ständig vor allzu eifrigen Eltern rechtfertigen muss, warum er dem Sprössling "nur" eine Drei gegeben hat und dabei immer mit einem Bein vor dem Kadi steht, steht der deutsche Auslandslehrer über derlei Ärgernissen. Er wird meist von seinen Schülern geliebt, da er mit deutschen Lehrmethoden einen bunten Kontrast zum in der Regel eintönigen einheimischen Schulalltag bietet. Doch eines muss jeder Auslandslehrer in Usbekistan mit sich selbst ausmachen und da hilft auch kein Didaktikwissen aus Golm: Man arbeitet mit jungen Menschen in einer Diktatur. Während in jedem Vorwort eines deutschen Lehrplans steht, dass es darauf ankommt, den Schüler zu einem kritischen, mündigen, demokratischen, selbstständigen Menschen zu erziehen, sind diese Tugenden in Usbekistan nicht erwünscht. Es steht zwar nicht im usbekischen Lehrplan, dass aus dem Schüler ein unkritischer, gehorsamer Diener der Obrigkeit werden soll, aber darauf läuft alles hinaus. Und das ist eine Einsicht, die schon ziemlich an den Grundfesten des Lehrerberufs rüttelt. Wie weit darf ich gehen, wenn ich nach der Meinung der Schüler frage? Welche Textauswahl treffe ich? Wie weit gehen Diskussionen? Da kann es durchaus passieren, dass der Lehrerberuf manchmal keinen Spaß macht. Aber auch in Usbekistan sind die Schüler nicht auf den Kopf gefallen. Viele denken durchaus kritisch über Staat und Politik und da reicht oft eine Andeutung oder Geste.
Das Alltagsleben in diesem zentralasiatischen Land bringt einige Annehmlichkeiten. Schließlich scheint jeden Tag die Sonne, die Basarstände biegen sich unter Melonenbergen. Man kann mit dem Motorrad ohne TÜV durch die Steppe knallen, von der Energiekrise liest man nur im Internet, die Metro kostet 13 Cent und es gibt deutsches Satellitenfernsehen. Was will man mehr? Es gibt etwas: Es fehlen deutsche Kumpels, Kneipen mit Livemusik, Festivals im Sommer, ein Meer und der Hafen dazu. Nach drei Jahren Usbekistan habe ich nun meine Stelle aufgegeben, um im deutschen Schulsystem Fuß zu fassen. Dennoch war die Entscheidung, als Lehrer nach Usbekistan zu gehen, für mich goldrichtig.

Kai Neitzke
Copyright© 2001 Universität Potsdam, Armbruster
[Letzte Aktualisierung 12.12.2008, Schroeter]