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5. Ausgabe: Dezember 2007
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"Es gibt schöne Kompromisse"

Prof. Dr. Sylvie Roelly weiss, dass es in Frankreich leichter ist, berufstätige Mutter zu sein

Sie ist prädestiniert über das Thema Kinder und Karriere zu sprechen, obwohl sie lieber handelt. Die Mathematikerin Sylvie Roelly hat fünf Kinder im Alter zwischen 15 bis 32 Jahren und ist seit 2003 Professorin für Wahrscheinlichkeitstheorie an der Universität Potsdam. Die Französin lebte und arbeitete mit ihren Kindern in verschiedenen Regionen der Welt. Mit ihr unterhielt sich Dr. Barbara Eckardt über Auslandserfahrungen und deutsche Defizite.

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Prof. Dr. Sylvie Roellys Devise:
"Mehr handeln und weniger reden."
Foto: Hermsdorf

Sie haben bereits als Studentin, später Doktorandin und Professorin im Ausland gearbeitet und gelebt, teilweise mit ihren Kindern. Welche Erfahrungen haben Sie dort gesammelt?

Roelly: Ganz unterschiedliche. In Mexiko und Italien beispielsweise war ich als Mutter und Berufstätige überhaupt keine Ausnahme. Die Kinderbetreuung gestaltete sich absolut unkompliziert. Hier arbeitet fast jeder, viele haben ganz selbstverständlich Kinder. Diese Situation ist Normalität. Das Leben dort stellte in dieser Hinsicht für uns keinen großen Unterschied zu Frankreich dar.

Wie gestaltete sich Ihr Einstieg in das Berufsleben mit Kindern in Ihrer Heimat?

Roelly: In Frankreich habe ich meine Doktorarbeit mit 23 Jahren relativ früh abgeschlossen. Ich hatte damals zunächst ein Kind und bekam meine erste feste Stelle in einem Forschungsinstitut. Mit vier, fünf Monaten gingen meine Kinder in eine Kindereinrichtung. Um meiner Arbeit nachgehen zu können, brauche ich einen freien Kopf. Deshalb war es sehr wichtig, eine zuverlässige und stetige Kinder-Betreuung zu haben. Später besuchten meine Kinder einen Kindergarten, nachmittags holte ich sie ab. Ich konnte deshalb mit ruhigem Gewissen arbeiten.

Als Sie 1990 erstmals nach Deutschland kamen, haben Sie vermutlich weniger positive Erfahrungen gemacht…

Roelly: In Bielefeld erlebte ich zum ersten Mal, dass Kind und Karriere nicht selbstverständlich miteinander vereinbart werden können. In der Nachbarschaft war ich die einzige Frau, die arbeitete. Man wurde manchmal schon schief angesehen. Es hat mich damals ziemlich schockiert, dass es sehr wenige öffentliche Kindereinrichtungen gab. Wir hatten das Glück, uns eine Kinderfrau leisten zu können, deshalb war die Situation zu meistern. Zudem hatte ich in Bielefeld eine reine Forschungsstelle. Das heißt, ich konnte die Zeit relativ frei selbst gestalten, so beispielsweise nachmittags mit den Kindern verbringen und abends noch einmal eine Arbeitsphase einlegen.
Als ich 2003 nach Potsdam kam, hatte ich jedoch gleich Kontakte zu Kolleginnen, die es geschafft haben, Familie und Beruf zu vereinbaren. Das war eine angenehme Überraschung für mich.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, die Berufstätigkeit aufzugeben?

Roelly: Diese Frage bestand für mich nie. Kinder groß zu ziehen, finde ich extrem schön. Aber für mich ist es nicht das einzige Lebensziel. Es ist nicht einfach, Kinder und Berufstätigkeit zu koordinieren. Als Wissenschaftlerin ist es praktisch unmöglich, für einige Jahre die Berufstätigkeit zu unterbrechen. Denn die Forschung wartet nicht auf den Forscher, sondern Forscher machen die Forschung. Andererseits sollten die Kinder nicht unter der Berufstätigkeit leiden. Ich habe versucht, beides gut zu organisieren. Meine Kinder sind sehr stolz, dass Vater und Mutter arbeiten und sich wohl fühlen. Natürlich verzichtet man immer auf etwas, aber Leben ist ein ständiger Kompromiss, und es gibt sehr schöne Kompromisse.

Was muss Ihrer Meinung nach für eine familienfreundliche Atmosphäre in der Gesellschaft getan werden?

Roelly: Ich wünsche mir, dass es immer selbstverständlicher für Frauen wird, sich gut ausbilden zu lassen, einen guten Abschluss zu erlangen und gleichzeitig oder nach der Ausbildung Kinder zu bekommen. In der Gesellschaft muss sich das Bewusstsein entwickeln, dass Kinder und Berufstätigkeit vereinbar sind. An der Universität versuche ich, "meine" begabten Studentinnen zu unterstützen, damit sie diesbezüglich nicht entmutigt werden. An mir selbst habe ich erlebt, wie wichtig es ist, Vorbilder zu haben. Es muss also Frauen geben, die vorleben, dass eine Uni-Karriere auch mit Familie möglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Copyright© 2001 Universität Potsdam, Armbruster
[Letzte Aktualisierung 06.12.2007, Schroeter]