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5. Ausgabe: Dezember 2007
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Eine andere Aufgabe

Die selbstständige Unternehmensberaterin Christina Erdmann hat sich nicht für Kinder entschieden, aber auch nie dagegen

In Düsseldorf studierte sie Erziehungswissenschaften, an der Uni Potsdam promovierte sie. Dann ging Christina Erdmann zu einer Unternehmensberatung und ist heute als Coach und Beraterin selbstständig. Sie stellt infrage, dass sich der Ablauf des eigenen Lebens und damit auch Kinder planen lassen. Eine bewusste Entscheidung für oder gegen Kinder hat Christina Erdmann nie getroffen. Dafür entstand mit der Zeit das Gefühl, dass andere Themen wichtiger waren.

In Düsseldorf she studied educational science, and at the University of Potsdam she received her doctorate. Afterwards, Christina Erdmann worked for a management consultancy and is today a self-employed consultant and coach. She questions the idea that one can plan his or her own course of life, including whether one has children or not. Christina Erdmann has never made a conscious decision for or against children. Instead and over time, she has come to feel that other topics are more important.

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Erfolgreich selbstständig:
Unternehmensberaterin
und Coach
Christina Erdmann.
Foto: privat

Schon als Jugendliche habe ich nicht verstanden und verstehe bis heute nicht, wenn Menschen davon sprechen, Kinder zu planen. Das Wort Familienplanung klingt in meinen Ohren fast schon hochmütig und bringt die weit verbreitete Idee zum Ausdruck, Mann oder Frau könne den Ablauf des eigenen Lebens planen: "… dann ein paar Jahre arbeiten und dann ein Kind …". Ich glaube nicht, dass man Kinder planen kann. Die vielen Paare, die sich unbedingt ein eigenes Kind wünschen und ungewollt kinderlos bleiben, sind meiner Meinung nach dafür das beste Beispiel. Bin ich also "gewollt" kinderlos, nur weil ich nie ein Kind bewusst "geplant" habe?
Mit 19 Jahren Studiumsbeginn. Für ein Kind fühlte ich mich bis zum Ende meines Studiums zu jung. Direkt im Anschluss ein Stellenangebot: Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Erziehungswissenschaft und die Möglichkeit zu promovieren. Wechsel von Düsseldorf zur Uni Potsdam. Der Mann, mit dem ich in dieser Zeit zusammen war, kam ein Jahr später für ein Zweitstudium nach. Ich 29 Jahre alt, er knapp 40, eine vergleichsweise sehr flexible Zeiteinteilung, ein nicht üppiges, aber für drei oder fünf Jahre sicheres Einkommen. Jetzt Kinder? Was hat mich gehindert? Die Angst, beides zusammen - Kind und Arbeit - vielleicht nicht zu schaffen? Der Gedanke an die eigene Kindheit, die (wie aber wohl bei vielen anderen auch) neben schönen auch Erinnerungen an Einsamkeit, Ausgeschlossensein und Unverstandensein umfasste? Eltern, Freunde und Verwandte am einen Ende der Republik, ich - nach einer Trennung - allein am anderen? Ich habe immer bis zur letzten Konsequenz gedacht: Will ich ein Kind, im Ernstfall auch allein? Ist mir das so wichtig, wichtiger als eine funktionierende Beziehung und/oder Beruf? Hieß die Tatsache, mir diese Fragen zu stellen, automatisch schon, sie zu verneinen? Habe ich etwa bloß zuviel nachgedacht? Oder machen viele andere einen Fehler, die ohne langes Nachdenken Kinder in die Welt setzen und sich dann irgendwann mit der eigenen Überforderung und der der Kinder in einer häufig kinderfeindlichen Umwelt konfrontiert sehen?

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Als Tante gefragt:
Christina Erdmann verbringt gern Zeit mit ihrem Neffen.
Foto: privat

Nach der Promotion ging ich zu einer Unternehmensberatung. Seit fünf Jahren bin ich selbstständige Unternehmensberaterin und Coach. Waren das auch - und etwa gar schon wieder - Entscheidungen gegen ein Kind? Ich habe das nicht so empfunden. Ich habe fast durchgängig in Beziehungen gelebt und mit mehr als einem meiner Partner konnte ich mir Kinder sehr gut vorstellen. Trotzdem habe ich keine. Im Juni bin ich 42 Jahre alt geworden. Manchmal durchzuckt mich der Gedanke, dass es ja noch nicht wirklich "zu spät" ist, so als ob ich mir noch ein klitzekleines Hintertürchen einen Spalt weit offen halten möchte. Mein fünfzigjähriger Lebensgefährte, mit dem ich seit längerem zusammen bin, ist kinderlos und möchte es bleiben. Würde ich mich wirklich - möglicherweise in einem Anfall der viel zitierten Torschlusspanik - von ihm trennen, "nur" um dann mit einem anderen ein Kind zu bekommen? Oder ihn gar mit einer einsamen Entscheidung und dann nach dem dritten Schwangerschaftsmonat vollendeten Tatsachen überrumpeln? Ist also meine Kinderlosigkeit eine meinen Lebensumständen und eventuell auch familienpolitischen Gegebenheiten geschuldete Entscheidung?
Sicherlich habe ich mich manchmal gefragt, wie Familien beziehungsweise Alleinerziehende eigentlich die finanziellen Belastungen und mangelnde Betreuungsmöglichkeiten aushalten und damit umgehen. Andererseits habe ich aber auch nie zu denen gehört, die voller Überzeugung Sätze wie "Ein Kind kann ich mir nicht leisten" oder "In dieser Welt kann man doch keine Kinder bekommen!" oder ähnliches formuliert haben.
Ich vermisse das Kinderhaben nicht, und ich weiß, dass sich das ändern kann. Vielleicht werde ich in zehn oder zwanzig Jahren bereuen, nicht Mutter geworden zu sein. Manchmal habe ich Angst vor dem häufig in den Medien wie eine Schreckensvision dargestellten "Alleinsein im Alter". Aber gibt es eine Garantie, dass der Kontakt mit den eigenen Kindern immer harmonisch sein wird und die Nachkommen im Alter tatsächlich für ihre Eltern sorgen werden? Für mich ist die Selbstverständlichkeit, mit der viele Mütter und Väter genau diese Überzeugungen vertreten, Teil der Idee, Menschen könnten ihr Leben planen. Ich glaube, wie gesagt, nicht daran. Ich glaube, dass wir die Aufgabe haben, verantwortungsvoll mit dem Leben umzugehen, das uns geschenkt wurde. Mutter werden oder eben ohne Kinder zu leben, ist Teil dieses Geschenkes, je nachdem. Vielleicht habe ich in dieser Welt eine andere Aufgabe als die, Kinder zu erziehen. Ich bin mit meiner Kinderlosigkeit einverstanden, ohne mich jemals bewusst für oder gegen Kinder entschieden zu haben.

Christina Erdmann


Kontakt: Dr. Christina Erdmann, E-Mail: ce(at)christina-erdmann.de, www.christina-erdmann.de

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[Letzte Aktualisierung 06.12.2007, Schroeter]