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4. Ausgabe: Dezember 2006
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Flucht nach vorn

Germanist und Soziologe Sebastian Krüger war "gezwungen", aus seiner Begabung zum Schreiben einen (freien) Beruf zu machen

After studying German Studies and sociology, Sebastian Krüger fell by chance into a job that turned out to be a dead-end street. Reminding himself of his talents, he chose self-employment as a risky way out. As a free-lance journalist, he quickly secured a niche in the media world, but continues to look towards expanding his regular clientele towards higher-paying publications. Albeit, Sebastian Krüger would rather not plan too far into the future.

Durch Zufall bekam Sebastian Krüger nach dem Studium der Germanistik und Soziologie einen Job, der ihn aber in eine berufliche Sackgasse führte. So musste er sich auf sein Talent besinnen und den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. Als freier Journalist konnte er sich bald seine Nische auf dem Medienmarkt sichern, würde aber gerne noch seinen regelmäßigen Abnehmerkreis um besser zahlende Blätter erweitern. Ansonsten plant er aber lieber nicht zu weit voraus.


Ist für Themen von banal bis bizarr zu haben:
Journalist Sebastian Krüger.
Foto: privat

Am besten sind die Recherchereisen, die ich zusammen mit einem freien Fotografen unternehme. Ich lernte ihn bei einem meiner ersten Pressetermine kennen, die ich als freier Journalist besuchte. Wir verstanden uns auf Anhieb blendend und seither bilden wir oft ein Team. Dann machen wir Foto-Text-Reportagen für Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Unsere Themen: Alles zwischen banal und bizarr.
"Geschrieben" habe ich schon immer, zuerst Briefe an Oma, dann Tagebuch für mich, später Artikel in der Lokalzeitung. Schreiben ist womöglich das, was mir von allen Dingen am leichtesten fällt. Leider hat es viel zu lange gedauert, bis ich es wagte, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach meinem Germanistik- und Soziologiestudium an der Uni Potsdam flog ich zunächst für ein Jahr nach Australien. Ich hatte ein Arbeitsvisum, doch stand bei meinem Aufenthalt nicht die Arbeit im Vordergrund, sondern die australische Austauschstudentin, in die ich mich an der Uni verknallt hatte.
Zurück in Deutschland rutschte ich durch Zufall ins Nachrichtenarchiv von Sat1. Die Arbeit war stupide, aber zu gut bezahlt, um sie einfach so aufzugeben. Als der Sender pleite war, wurde er von Pro7 geschluckt und ich erhielt meine Kündigung. Weil ich keine Kinder hatte, traute man mir als dem Jüngsten in meiner Abteilung am ehesten zu, "es schon irgendwie zu schaffen".


Es hat auch angenehme Seiten: Von Beruf frei.
Foto: privat

Am Anfang war das Dasein als Arbeitsloser recht erträglich. Doch mit der Zeit wurde aus der Hoffnung die reinste Utopie, dass ich als Geistes-Magister mit Berufserfahrung in einem TV-Archiv jemals eine versicherungspflichtige Stelle im Medienbereich finden könnte. Mut gab mir vor allem die Australierin, die inzwischen nach Europa gekommen und meine Ehefrau geworden war. Als das Arbeitslosengeld zur Neige ging, war es soweit: Ich beschloss "freier Journalist" zu werden - was blieb mir sonst auch übrig? Zuvor wartete jedoch noch ein besonders trostloses Erlebnis auf mich: Der vierwöchige Existenzgründerkurs, der mich auf das Leben als Selbstständiger vorbereiten sollte. Alle Teilnehmer waren so krank vor Angst, dass von dem juristischen, betriebswirtschaftlichen und fiskalischen Lehrstoff absolut nichts hängen blieb.
Dann schrieb ich meine ersten Reportagen und schickte sie an diverse Redaktionen. Vielleicht hatte ich Glück, aber bestimmt waren sie nicht schlecht. Jedenfalls wurden sie abgedruckt und heute, nach anderthalb Jahren, verdiene ich genug für ein bescheidenes Leben. Hauptsächlich veröffentliche ich in der linken ostdeutschen Presse. Ich würde aber lieber für die bürgerliche Presse aus dem Westen schreiben, die zahlt einfach mehr. Wie ich am besten neue Aufträge ergattere, habe ich inzwischen herausgefunden: Meistens habe ich genau 20 Sekunden, um das Interesse von Redakteuren zu gewinnen, denn sie stehen permanent derartig unter Strom, dass sie sofort auflegen, sobald sie etwas langweilig finden.
Das ist einer der Gründe, warum ich gerne freier Journalist bin: Ich kann meine Zeit selbst einteilen, weil ich von zu Hause aus arbeite. Genau das sorgte allerdings bis vor kurzem auch dafür, dass ich höllisch unter Einsamkeit litt. Wenn ich nicht gerade mit dem Fotografen auf Recherchefahrt war, saß ich allein an meinem Schreibtisch. Vor wenigen Wochen zog ich deshalb mit Computer, Telefon und ein paar Aktenordnern in ein journalistisches Gemeinschaftsbüro, ein Parterreladen, in dessen Schaufenster auf einem Stapel vergilbter Zeitungen eine alte Schreibmaschine steht. Meine beiden Kolleginnen sind ebenfalls frei arbeitende Journalisten. Wir haben ein lockeres kollegiales Verhältnis, das ich inzwischen sehr schätze. Wo ich mich in zehn Jahren sehe? Soweit denke ich nicht. Momentan überlege ich, in welche Reportagethemen man das Weihnachtsfest zerlegen kann.

Sebastian Krüger

Kontakt: Sebastian Krüger, E-Mail: sebkrue(at)gmx.net

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[Letzte Aktualisierung 1.12.2006, Schroeter]