Logo alumni
4. Ausgabe: Dezember 2006
Linie links Aktuelle Pressemitteilungen der Universität Potsdam Linie mitte Startseite der Universität Potsdam Linie mitte Referat für Presse-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit Linie rechts

Wenn der Berg ruft

Stephan Reichelt sammelt mit seinem Projekt zur Erstbesteigung des Mount Abi Geld für nepalesische Straßenkinder



Hoffen auf einen glücklichen Ausgang:
Stephan Reichelt will als erster denn Mount Abi bezwingen.
Foto: privat

Es ist der 14. Dezember 2005. Stephan Reichelt steht mit seinem nepalesischen Kollegen Sudama Karki nur 100 Meter unter dem Gipfel des 6063 Meter hohen Mount Abu, den noch nie ein Mensch bezwungen hat. Doch diese 100 Meter sind an diesem Tag für die beiden Bergsteiger unüberwindlich. Wegen extrem schwierigen Gelände und der Wetterlage ist die der Weg zum Gipfel diesmal zu riskant. Doch sein Ziel hat Stephan Reichelt, Absolvent der Sportwissenschaften der Universität Potsdam, trotzdem erreicht. Denn es war nicht in erster Linie der sportliche Ehrgeiz, der den Extremsportler auf den Berg geführt hat.

Stephan Reichelt engagiert sich ehrenamtlich für das Poor and Orphan Children Relief Center in Kathmandu, Nepal. Es ist eine gemeinnützige Organisation zur Bekämpfung der Kinderarmut in Nepal, das zu den sechs ärmsten Ländern der Welt gehört. Sie ermöglicht Waisen und verarmten Kindern den Schulbesuch, gibt ihnen ein Dach über dem Kopf und kümmert sich um die Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln. Das Poor and Orphan Children Relief Center besteht aus 20 einheimischen und deutschen Mitarbeitern der Firma "Hauser exkursionen". Stephan Reichelt arbeitet für Hauser als Produktmanager für Nepal, die Mongolei und Pakistan. Mit der geplanten Erstbesteigung des Mount Abi wollte er auf die Situation der Straßenkinder in Katmandu aufmerksam machen und Spenden sammeln, um dort ein eigenes Haus für die Kinder zu bauen.
Schon vor Beginn der Expeditionen hatten die Bergsteiger mit Schwierigkeiten bürokratischer Art zu kämpfen. Ein Schreibfehler seitens der Nepalese Mountaineering Association (NMA) machte eine neue Streckenplanung noch zwei Tage vor dem Abflug nach Lukla, dem nächstgelegenen Flughafen notwendig. Trotzdem startete die Expedition termingemäß am 22. November.
Nach der Ankunft in Lukla wurde die Ausrüstung vervollständigt und überprüft. Am 23. November brachen die Teilnehmer in Richtung Mount Abi, der in einem Seitental der Gokyo Region liegt, auf. In Namche Bazaar trafen die restlichen Mitglieder der Expedition - Sherpa, Koch und vier Träger - ein. Die Gruppe umfasste somit insgesamt neun Teilnehmer. Zur Akklimatisierung und Vorbereitung auf die Erstbesteigung am 28. November blieben sie für drei Tage am Lobuche Base Camp. Von dort unternahmen sie Akklimatisationstouren zum Lobuche High Camp und anschließend zum Gipfel des Lobuche East (6090 Meter).


Barfuß im Schnee:
Das Temperaturgefälle zwischen Tag und Nacht
kann im Himalaya mehr als 50 Grad betragen.
Foto: privat

Nach dem erfolgreichen Abschluss dieses letzten Tests vor der Besteigung des Mount Abi brach die Gruppe am 2. Dezember zum nächsten Camp auf. Dort musste allerdings einer der Bergsteiger aufgrund mittlerer Symptome der Höhenkrankheit umkehren. Die übrigen setzten ihren Weg zum Mount Abi Base Camp am nächsten Tag fort. Nach der Errichtung des Base Camps wurden die möglichen Routen zum Gipfel näher untersucht. Für die Besteigung kamen zunächst drei mögliche Routen in Frage: Die Südroute, die Ostroute und die Westroute. Eine Besteigung über die Nordroute kam aufgrund des schwierigen Geländes und der großen Entfernung nicht in Frage.
Nach zweitägiger Vorbereitungszeit im Basislager brach die Gruppe am 5. Dezember ins Hochlager in 5350 Metern Höhe auf, um am nächsten Tag die Besteigung des Gipfels in Angriff zu nehmen. Eine von dort durchgeführte Erkundung möglicher Aufstiegsrouten ergab, dass eine Besteigung über die Südroute aufgrund von Steinschlägen und einer 600 Meter hohen, steil ansteigenden Felswand nahezu unmöglich war. Daher entschlossen sich Stephan Reichelt und seine Mitstreiter, die Besteigung über die Ost- und die Westroute zu versuchen. Die Teilnehmer mussten auf der Westroute allerdings feststellen, dass der Gletscher stark zurückgegangen war und zudem so viele Risse und Spalten aufwies, dass der Anstieg über die Westroute bald abgebrochen werden musste. Dort fanden sie zudem in 5.850 Metern Höhe die Überreste eines unbekannten Bergsteigers. Dem Zustand der Leiche nach musste er dort schon seit einigen Jahren liegen. Eine Bergung der sterblichen Überreste war aufgrund des schwierigen Geländes nicht möglich. Die Teilnehmer nahmen die genauen Positionsdaten auf und teilten sie später in Kathmandu den zuständigen Behörden mit.
Über die Ostroute gelangten die Bergsteiger über den Cho La Cole Gletscher bis circa 100 Meter an den Gipfel des Mount Abi. Steiler, brüchiger Fels erschwerte den weiteren Aufstieg erheblich. Zudem drohten sich die Wetterbedingungen durch den nahenden Wintereinbruch im Everest-Gebiet zu verschlechtern, (die Temperaturen fielen nachts bereits auf -35 Grad Celsius) und die Nahrungs- und Brennstoffvorräte wurden knapp, so dass die Gruppe beschloss, unter diesen ungünstigen Bedingungen die Besteigung abzubrechen.
Ihr wichtigstes Ziel erreichte die Expedition jedoch trotzdem: Durch die umfangreiche Berichterstattung der Presse in Deutschland und Nepal über die geplante Erstbesteigung des Mount Abi, gelang es den Teilnehmern, weitere Unterstützer für das Kinderhilfsprojekt zu gewinnen. "Zwar haben wir den Berg nicht bezwungen, aber wir konnten durch unser Vorhaben viele Menschen auf die Lage der Straßenkinder in Kathmandu aufmerksam machen und wir hoffen, dass wir noch mehr Menschen gewinnen können, die diesen Kindern helfen möchten", resümiert Stephan Reichelt. Von dem Sponsorengeld konnte unter anderem Land gekauft werden, um darauf ein Kinderheim zu bauen. Durch den politischen Umbruch in Nepal wurden die Arbeiten behindert, doch im September konnte schließlich Richtfest gefeiert werden. Im Dezember fliegt Stephan Reichelt wieder nach Nepal, um den Fortgang des Baus in Augenschein zu nehmen. Doch auch das sportliche Ziel möchte er noch erreichen: Im nächsten Jahr will er einen erneuten Anlauf wagen, den Mount Abu zu "knacken".

Red.

Kontakt:
Stephan Reichelt, E-Mail: stephan.reichelt(at)alumni.uni-potsdam.de , www.projektextrem.de

Hier finden Sie Auszüge aus dem Expeditionstagebuch von Stephan Reichelt.
Weitere Einträge und Fotos finden Sie im Internet unter:
www.uni-potsdam.de/alumni/angebote/forum/mount-abi.html ,

Abflug 16.11.05

Am Flughafen München steht ein kleines "Abschiedskomitee" für uns bereit. Freunde und Freundin. Alle wollen Zuversicht und Freude ausstrahlen, es gelingt aber keinem so richtig. Vielleicht liegt das aber auch an unserer überreizten Wahrnehmung. Wir haben bis spät in die Nacht unsere Sachen gepackt, sind wieder und wieder die Checklisten durchgegangen. Was jetzt noch fehlt, kann nur mit Glück in Kathmandu besorgt werden.

Kathmandu, 17.11.05

Wir sind in Kathmandu angekommen und haben Quartier bei unserem Freund und Begleiter Sudama bezogen. … Essen gibt es gut und reichlich in Nepal: Vom Nationalgericht Dhaal Bat (Reis mit Linsen und Gemüse) über Alo Chili (Kartoffeln mit Chili) und die Fleischgerichte Hakku Choila, Sukkuti und Buff Chili, die sehr schmackhaft sind, aber zu dem Schärfsten gehören, was wir jemals geschmeckt haben. …Alle Nepali, mit denen wir im Zuge der Vorbereitungen zu tun haben, begegnen uns mit großer Freundlichkeit. Dabei hat sich bei ihnen wohl herumgesprochen, dass Deutsche gern Bier mögen, so dass uns regelmäßig bei Besuchen bei ihnen schon gegen 11 Uhr vormittags ein Tuborg angeboten wird. Da ein "Nein" sehr unhöflich wäre, können wir nichts anderes machen, als mit gespielter Freude bereits zu dieser Zeit ein warmes Bier zu trinken (Kühlschränke sind eher unüblich in Nepal).

Kathmandu, 22.11.2005

…Wir sind morgens um vier Uhr aufgestanden, um den Flieger nach Lukla, einem kleinen Bergdorf im Everest-Gebiet, rechtzeitig zu erreichen. Wir werden mit einer hinduistischen Gebets-Zeremonie verabschiedet. Jeder bekommt Blumenkränze eine "Tika" (der rote Punkt auf der Stirn) und eine "Kata" (ein Gebetsschal, der Glück bringen soll). …Auf dem Flughafen sehen wir unsere Maschine: Eine zweimotorige Twin-Otter der "Yeti Airlines" mit circa 15 Plätzen. Die Türen schließen nicht richtig, gesteuert wird im Sichtflug. Die kleine Maschine überfliegt die ersten Bergkämme des Himalaya so nahe, man könnte meinen, man bräuchte nur die Hand auszustrecken und könnte sie berühren. Die Passagiere bekommen jede Turbulenz zu spüren, es ist eisig kalt in dem Flieger. Die Gelassenen, scherzen, die Fatalistischen beten, und manche sind einfach nur grün im Gesicht. Nach einem kontrollierten Sturzflug sind wir sicher in Lukla gelandet. … Lukla ist ein kleine Dörfchen mit circa 30 Häusern und der Ausgangspunkt für viele Expeditionen in das Everest-Gebiet. Dementsprechend touristisch geht es zu. Das Restaurant gegenüber unserer Lodge bietet auf einer Tafel in fehlerfreiem Deutsch "Wiener Schnitzel" an. …

Namche Bazaar, 24.11.2005

…Wir haben unsere Gruppe komplett! Es sind nun vier Träger und ein Koch mit von der Partie. Dazu Pemba, unser Sirdha und Climbing Sherpa. Von Pemba geht eine beruhigende Gelassenheit aus. Er ist eine Legende bei den Nepali im Everest-Gebiet. …

Camp bei Pheriche, 27.11.2005

…Die Temperaturunterschiede werden immer extremer. Tagsüber schwitzt man im T-Shirt (solange kein Wind kommt) nachts wird es bis zu minus 20 Grad kalt. Sobald die Sonne weg ist, muss man sich schleunigst in Daunensachen oder sein Zelt begeben. …

Lobuche Base Camp, 01.12.2005

…Wir brechen am frühen morgen in Richtung Gipfel auf. Das Licht unserer Stirnlampen scheint durch die Nacht und weist uns den Weg. Langsam aber stetig steigen wir in dem Geröll aufwärts. Die Luft ist kalt und das Atmen fällt schwer. Bei jedem Atemzug schneidet die kalte Luft wie Messer in den Lungen. …Wir sind an den Schnee und Eisfeldern des Lobuche angekommen und hangeln uns nun an den von uns am Vortag gelegten Fixseilen entlang Richtung ziel - dem 6.119 m hohen Lobuche Gipfel. Die Schritte werden immer schwerer doch gegen 12 Uhr mittags stehen wir auf dem Gipfel. Es ist ein tolles Gefühl, auch wenn wir alle wissen, dass dies erst die Pflicht und noch nicht die Kür war. Nach dem Abstieg fallen wir alle wie erschlagen in unsere Zelte.

Pheriche, 02./03.12.2005

Ohne große Pause machen wir uns am nächsten Tag auf unserem Weg zum Cho La Pass um ins benachbarte Gokyo Tal zu gelangen. Nach einer weiteren Übernachtung auf 5.200 Metern erreichen wir am nächsten Mittag den höchsten Punkt des Passes. Dieser vergletscherte einschnitt zwischen zwei Gipfeln auf 5.500 Metern Höhe stellt enorme Ansprüche an unsere Träger. Ich wundere mich immer wieder, mit welcher Leichtigkeit diese jungen Männer die enormen Lasten in unwegsamem Gelände und über große Distanzen transportieren. Und das ganze mit einfachsten Mitteln. Unsereins ist froh, wenn er mit seiner High-Tech-Ausrüstung und dem mäßigen Gepäck zurande kommt. Doch wir sollten für die Anstrengungen belohnt werden. Von diesem Punkt haben wir das erste Mal einen freien Blick auf das Objekt unserer Begierde - wir sehen den Mount Abi in seiner ganzen Größe…

Copyright© 2001 Universität Potsdam, Armbruster
[Letzte Aktualisierung 6.12.2006, Schroeter]