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4. Ausgabe: Dezember 2006
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"Auszeit" in Fernost

Anja Fredrich unterstützte in Kambodscha den Aufbau des Behindertensports


Mienenopfer: Körperliche Fitness erleichtert
das Laufen mit der Beinprothese.
Foto: privat

Ein Lächeln im Gesicht und die Hände vor der Brust gefaltet - so grüßten mich meine Schüler zu Anfang und bedankten sich am Ende jeder Unterrichtsstunde. Diese Geste ist gleichzeitig Gruß und Zeichen der Anerkennung. Auf diese Weise zog sich eine entspannte und freundliche Atmosphäre durch den ganzen Tag. Sehr gerne denke ich heute daran zurück…

Dass mein Beruf mich einmal nach Phnom Penh, die Hauptstadt von Kambodscha, führen würde, hätte ich mir 1990 nie zu Träumen gewagt. Zu dieser Zeit studierte ich Sportwissenschaft/Germanistik auf Lehramt in Magdeburg. Nachdem ich an die Universität Potsdam gewechselt hatte, kam ich bald zu der Erkenntnis, dass Schule mir wahrscheinlich nicht die Freiräume und den kreativen Entfaltungsspielraum bieten könnte, den ich mir vorstellte. So entschied ich mich für den Parallelstudiengang Diplomsportwissenschaften und Rehabilitation/Prävention. Mit dem ersten Staatsexamen in der Tasche begann ich 1997 in einer Neurologischen Rehabilitationsklinik im Land Brandenburg zu arbeiten.


Fröhlich trotz Handikap:
Anja Fredrich vermittelte in Kambodscha
Behinderten Spaß am Sport.
Foto: privat

Die Klinik war damals gerade im Aufbau, so konnte ich kreativ und eigenverantwortlich den sporttherapeutischen Bereich aufbauen - genau das was ich damals wollte. An einer benachbarten Gesundheitsakademie war ich parallel als Dozentin tätig.
Im Jahr 2003 bekam ich das Gefühl, dass ich etwas Neues tun müsse. Ich beschloss, eine "Auszeit" zu nehmen. Mir schwebte eine Aufgabe in der Entwicklungshilfe vor. Durch die Erfahrungen im Ausland wollte ich für mich herausfinden, wo und wie ich die nächsten Berufsjahre verbringen will. Ich beantragte eine fünfmonatige Freistellung. Bei meiner Internetrecherche entdeckte ich eine Stellenanzeige für eine dreimonatige Projektarbeit in Kambodscha mit der Möglichkeit auf Verlängerung. Das Nationale Olympische Komitee Deutschland (NOK) wollte in Kambodscha den Rollstuhlsport für behinderte Frauen und Kinder fördern. Ich war zwar skeptisch, denn ich war ein Jahr zuvor als Touristin nicht so freundlich in diesem Land empfangen worden. Die Projektaufgaben begeisterten mich jedoch sofort. Am Ende siegten Neugierde und Herausforderung. Ich bewarb mich und erhielt die Zusage. So saß ich aufgeregt und voller Spannung im Oktober 2004 im Flieger nach Phnom Penh.
Dort angekommen erwartete mich viel Neues. Ich suchte mir eine Wohnung, lernte im asiatischen Straßenverkehr Moto (Moped) fahren und eignete mir ein wenig die Landessprache Khmyer an. Fast täglich unterrichtete ich an einer Schule für Behinderte die Lehrer und Schüler. Ziel war es, die Lehrer für den Sportunterricht mit behinderten Kindern und Jugendlichen auszubilden. Die circa 90 behinderten Mädchen und Jungen werden von zwei ebenfalls behinderten Lehrern und vier Lehrerinnen betreut. Ihnen zu vermitteln, den Unterricht selbständig strukturiert und zielorientiert zu planen, erwies sich dabei als eine der schwersten Aufgaben, da die kambodschanische Politik und Kultur selbständiges und eigenverantwortliches Arbeiten und Leben praktisch nicht fördert.
In der verbleibenden Zeit betreute ich die Trainer der kambodschanischen Volleyballliga für Behinderte. Viele von ihnen hatten Kinderlähmung oder waren Minenopfer und tragen daher Prothesen. Hier ging es vor allem darum, die körperliche Fitness zu verbessern und muskuläre Ungleichgewichte auszugleichen. In den Schulferien fuhr ich nach Siem Reap, das für seine Tempelanlage Angkor Wat berühmt ist, und bildete Physiotherapeuten in einem Zentrum für Beinamputierte von handicap international weiter.
Immer wieder war ich beeindruckt von der Gelassenheit und Leichtigkeit, mit welcher die Kinder, Jugendlichen und auch Älteren mit ihren Behinderungen leben. Mit einfachen Ballspielen waren Jung und Alt gleichermaßen zu begeistern. Jedermann probierte unabhängig von seiner Behinderung mit Leichtigkeit, Bewegungseleganz und Spaß aus, was ich an Bewegungsangeboten vorgab. Der Umgang war geprägt von Respekt, Anerkennung und einer anspruchslosen Fröhlichkeit.
Der Abschied von meiner Arbeit in Kambodscha fiel mir sehr schwer. Zurückgekehrt nach Deutschland und in meinen alten Job habe ich etwa ein Jahr darüber nachgedacht, ob ich mich beruflich verändern sollte. Meine Erfahrungen in Kambodia haben schließlich mit zu meiner Entscheidung beigetragen: Ich werde zum neuen Jahr eine neue Herausforderung annehmen und in nächster Zeit auch wieder ins Ausland gehen..

Anja Fredrich

Kontakt: Anja Fredrich, E-Mail: anja.fredrich(at)gmx.net

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[Letzte Aktualisierung 6.12.2006, Schroeter]