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3. Ausgabe: Dezember 2005
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Verführerischer "Big Apple"

Physiker Henning Voss hatte viele Gründe in die USA zu gehen

Was it wanderlust, or was it the better research and academic possibilities that drew Henning Voss to New York? The physicist gives a number of reasons for his move. Today, he is completely content with the work atmosphere in New York, thus giving him reason to conclude that leaving Germany was a good idea. He would like to stay for ten years. Whether he returns afterwards is still an open question.

War es Fernweh, waren es die günstigeren Forschungs- und Lehrbedingungen, die Henning Voss nach New York zogen? Den einen Grund gab es für den Physiker nicht. Vieles sprach dafür. Dass er heute mit seinen Arbeitsbedingungen rundum zufrieden ist, gibt ihm in seinem Entschluss, Deutschland den Rücken zu kehren, Recht. Zehn Jahre möchte er erstmal bleiben. Ob er dann noch zurückkehrt, will er nicht ausschließen.


Footballhelm zum Kernspinresonanztomographen
umfunktioniert: Damit lässt sich die Gehirnaktivität abbilden.
Foto: zg

Nach einem Studium der Physik in Hamburg und Postdam und vier Jahren als Hochschulassistent an der Uni Freiburg bin ich im Herbst 2003 nach New York als Physiker an das Medical College der Cornell Universität gegangen. Dort bin ich seitdem Assistant Professor im Department of Radiology. Ich arbeite wissenschaftlich an der Entwicklung von Methoden und der Anwendung neuer Verfahren der Kernspinresonanztomographie-Bildgebung, MRI. Mit MRI lassen sich beispielsweise Tumore aufspüren und die Gehirnaktivität abbilden.
Aufgewachsen in Hamburg bin ich immer ein Großstadtmensch gewesen und New York entspricht meinen Ansprüchen recht gut. Jeden Tag, wenn ich in einer Seilbahn von meiner kleinen Wohninsel, die ich mir unter anderem mit vielen UNO Mitarbeitern teile, hinüber nach Manhattan schwebe, habe ich das Gefühl, dass ein neues Abenteuer beginnt.
Mit dem Schritt, in die USA zu gehen, habe ich mir einen lang gehegten Traum erfüllt. Dies war möglich dank einer Verkettung von glücklichen Zufällen und einer geeigneten privaten Ausgangslage. Ich kann gar nicht genau sagen, was mich damals in die Ferne gezogen hat. Mein erstes Jahr im Ausland, 1999, in Amerika und England, war gar nicht so motivierend. Außerdem hatte ich noch eine Habilitationsstelle in Freiburg. Und doch habe ich angefangen, mich überall in der Welt zu bewerben. Vielleicht war es einerseits der Wunsch, wissenschaftlich voranzukommen und andererseits der Wunsch nach Veränderung in meinem Leben gepaart mit Fernweh. Wissenschaftlich fühlte ich mich ohnehin, zum größten Teil dank meines Doktorvaters an der Uni Potsdam, Prof. Dr. Jürgen Kurths, der mir einige internationale Konferenzbesuche ermöglicht hat, schon immer in der weiten Welt zu Hause. Auch habe ich gerade in den letzten Jahren in Deutschland deutlich gespürt, dass meine Forschung im Ausland auf fruchtbareren Boden fiel als in Deutschland. Deswegen nahm ich schließlich das Jobangebot in New York an, das sich aus bestehenden wissenschaftlichen Kontakten ergab.


Fühlt sich wohl in New York: Physiker Henning Voss
beim Spaziergang im Central Park.
Foto: zg

Es gab noch einen weiteren Grund, der mich nicht gerade an Deutschland gefesselt hat: die viel zu spät gekommene Reform des Hochschulrahmengesetzes. Allgemein habe ich den Eindruck, dass zwar alle klug über die Globalisierung reden, aber dass es bei dem allgemeinen politischen Stillstand in Deutschland offenbar nicht mehr möglich ist, darauf mit Reformen zu reagieren. An den Unis wurden die grundlegenden Ideen der Hochschulreform, die doch eigentlich auch das deutsche System international wettbewerbsfähiger machen sollten, völlig zerredet und eine unglaubliche Panik geschürt. Dabei fand ich die zeitigere Möglichkeit der Selbstständigkeit der Nachwuchswissenschaftler und insbesondere die Abschaffung der Habilitation gar nicht schlecht. Es hat mir gar nicht gefallen, im Alter von 35 Jahren in der Lehre noch sehr unselbstständig gewesen zu sein und nur den Professoren "assistiert" zu haben. Heute bin ich in der Vorbereitung einer Lehrveranstaltung völlig selbstständig und meine erste Vorlesung hier hat mir dann auch richtig Spass gemacht. An der Cornell University habe ich auch erlebt, wie manche neue Ideen enthusiastisch aufgenommen und weiterverfolgt werden. Natürlich profitiert man als Wissenschaftler auch von den enormen finanziellen Mitteln, die gerade in den USA für Forschung bereitstehen. Ich glaube, dass man sich hier als Naturwissenschaftler gut entfalten kann. Inzwischen habe ich meine ersten eigenen Forschungsmittel eingeworben und ein Patent eingereicht. Als ich im Frühjahr 2003 beschloss, in die USA zu gehen, hörte ich viel Ermutigung, aber auch einige Ressentiments. So ging es auch um die Frage, ob man es nicht in Anbetracht der politischen Lage vermeiden sollte, in die USA zu gehen. Ich denke, nicht. Es gibt eine lebendige politische Diskussion über alles und es kommt auch immer auf die Menschen an. Ich habe hier die wunderbarsten Menschen kennengelernt. Bei allem was ich angefangen habe, bin ich immer auf eine enorme Hilfsbereitschaft und Wohlwollen mir gegenüber gestoßen. An der Uni habe ich oft eine unglaubliche Anteilnahme der Menschen aneinander beobachtet, zum Beispiel Professoren, die nicht schlafen können, weil sie keine neue Stelle für ihren chinesischen Postdoc finden. Ich selbst mußte hier so nach und nach einige Vorurteile über Bord werfen.


Jeden Tag zur Arbeit "schweben": Seilbahn nach Manhattan.
Foto: zg

Ob ich irgendwann mal wieder zurück nach Deutschland möchte, weiß ich noch nicht, aber ich glaube schon. Mein Ziel ist erstmal, zehn Jahre in New York durchzuhalten. Ich habe inzwischen gelernt, dass eine detaillierte Lebensplanung bei mir doch nie aufgeht und bin sehr froh, dass wenigstens der rote Faden, nämlich wissenschaftlich zu arbeiten, noch nicht abgerissen ist. Nur eins ist sicher: Am Abend, auf dem Heimweg, hoch über dem East River, in der fast magischen Minute, wenn das Getöse der Stadt plötzlich verstummt und die Seilbahnkapsel nur noch von dem babylonischem Sprachgewirr der Fahrgäste erfüllt ist, wird mir klar, dass nichts mehr ist, wie es mal war.

Kontakt: Henning Voss, E-Mail: hev2006@med.cornell.edu

Henning Voss
CopyrightŠ 2001 Universität Potsdam, Glaesmer
[Letzte Aktualisierung 22.10.2005, Bültge]