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3. Ausgabe: Dezember 2005
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Freiberuflicher Wissenschaftler

Slavist und Polonist Bernhard Hartmann macht sich wenig Hoffnung auf eine bezahlte Forschertätigkeit

He wanted to pursue his interest in the Polish language and culture through becoming a teacher. During his studies, though, Bernhard Hartmann decided against this path, instead opting for one of scientific research. In doing so, he was conscious of the fact that he was giving up a relatively secure future. Now a Master of Arts in Slavic and Polish studies, Bernhard Hartmann is currently working on his dissertation quasi as a free-lance scholar. After he is finished with his doctorate, he would like to find employment at a research institution - albeit without high hopes. In the meantime, he has come to look upon his current translation and journalistic work as a concrete professional alternative.

Seinem Interesse für polnische Sprache und Kultur wollte Bernhard Hartmann zunächst als Lehrer nachgehen. Während des Studiums entschied er sich jedoch gegen die pädagogische und für die rein wissenschaftliche Seite. Dabei war er sich bewusst, dass er eine relativ sichere Berufsperspektive aufgab. Als Magister der Slavistik/Polonistik betreibt er nun seine Promotion quasi als freiberuflicher Wissenschaftler. Nach der Promotion wünscht er sich zwar eine Stelle in der Forschung, hat aber wenig Hoffnung. Seine bisherigen Nebentätigkeiten wie Übersetzungen und journalistische Arbeiten betrachtet er deshalb inzwischen als ernsthafte berufliche Alternative.


Begeistert sich für polnische Sprache und Kultur:
Bernhard Hartmann.
Foto: zg

Meine Entscheidung, einen wissenschaftlichen Berufsweg einzuschlagen, fiel erst während des Studiums. Im Jahr 1994 hatte ich, aus der Eifel kommend, in Mainz angefangen, Germanistik und Anglistik auf Lehramt zu studieren. Inspiriert von Erfahrungen aus einem deutsch-polnischen Schüleraustausch habe ich am dortigen "Polonicum" intensiv Polnisch gelernt. Nach einem Jahr wechselte ich nach Potsdam, weil dies damals die einzige Universität deutschlandweit war, an der man Polnisch auf Lehramt studieren konnte. In den Schulpraktika wurde mir schnell klar, dass ich mich als Lehrer weniger mit fachlichen als mit pädagogischen und didaktischen Fragen würde auseinandersetzen müssen. Ich merkte, dass ich damit nicht glücklich werden würde. Nach der Zwischenprüfung im Sommer 1997 sattelte ich daher vom Lehramts- auf das Magister-Studium der Slavistik/Polonistik mit den Nebenfächern Literaturwissenschaft und Germanistische Linguistik um, das ich im November 2000 abgeschlossen habe. Ganz leicht fiel mir der Wechsel nicht, weil ich wusste, dass ich damit eine relativ sichere Berufsperspektive aufgebe und die Zukunft in dieser Hinsicht ungewisser wird. Letztlich behielt aber das Interesse am Fach, das heißt, an polnischer Literatur, Drama und Theater die Oberhand.
Seit Anfang 2002 arbeite ich an einer Dissertation über die Dramatik des polnischen Schriftstellers
Tadeusz Rózewicz, mit dem ich mich schon in der Magisterarbeit beschäftigt habe. Eigentlich wollte ich über ein neues Thema promovieren, aber die Suche erwies sich als schwierig - ein Projekt stellte sich als zu wenig ergiebig heraus, ein anderes als zu umfangreich. So kehrte ich schließlich zu Rózewicz zurück. In der Magisterarbeit waren genug Fragen offen geblieben und die Vorarbeiten zu den anderen Themen hatten meinen Blick für die Spezifik von Rózewiczs Schaffen zusätzlich geschärft. Rózewicz schreibt nah an seiner Biographie und seiner Zeit, sucht aber nach immer neuen Mitteln und Formen, diesen Realia eine zusätzliche, universelle Dimension zu verleihen. Er weiß, dass die Kunst eigenen Gesetzen folgt und keine unmittelbare Verbindung zum praktischen Leben hat. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, fragt er beständig nach der Funktion und letztlich nach der Rechtfertigung der Kunst gegenüber dem Leben. In der Doktorarbeit untersuche ich diese Verbindung von ethischer Reflexion und poetologischem Experiment mit Blick auf die Frage, inwieweit aus ihr tatsächlich eine neue dramatische Form hervorgeht. In wissenschaftlicher Hinsicht geht es also um einen Beitrag zur Geschichte und Theorie des Dramas im 20. Jahrhundert. Dabei versuche ich, eine Sprache zu finden, die der Komplexität des Gegenstandes gerecht wird und trotzdem auch für interessierte Leser außerhalb des Wissenschaftsbetriebs verständlich bleibt. Ich verstehe mich nicht als Grundlagenforscher oder "reiner" Theoretiker. Der Bezug zum Leben ist für mich ein wichtiger motivierender Faktor bei der wissenschaftlichen Arbeit. Das Eintauchen in eine bestimmte Fragestellung, ganz unabhängig von Nutzerwägungen, bereitet mir Freude. Doch irgendwann muss ich wieder einen Praxiszusammenhang herstellen können.


Für den Fan: Widmung des polnischen
Schriftstellers Tadeusz Rózewicz.
Foto: zg

Im Studium, als Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität zu Berlin und in einem Jahr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Slawistische Literaturwissenschaft in Erfurt habe ich die Universität als Lebensraum und Arbeitsfeld schätzen gelernt, in dem Wissen erworben, geschaffen, ausgetauscht und weitervermittelt wird. Die Dissertation betreibe ich vor diesem Hintergrund nicht zuletzt mit der Perspektive einer möglichen Uni-Laufbahn oder einer Tätigkeit in einer akademischen Forschungseinrichtung. Abgesehen von der Stellenvertretung in Erfurt war ich allerdings bis jetzt nie fest an eine Universität angebunden, sondern allenfalls über Lehraufträge, Werkverträge oder ein Kurzzeitstipendium an der Universität Erfurt. Die meiste Zeit arbeite ich gewissermaßen als freiberuflicher Wissenschaftler. Zum Teil finanziere ich mich dabei durch übersetzerische und journalistische Arbeiten für Zeitschriften in Deutschland und Polen. Den größeren Teil zum gemeinsamen Lebensunterhalt trägt derzeit meine Frau bei, die als Ärztin in einem Berliner Krankenhaus arbeitet. So kann ich mich momentan zwar weitestgehend auf die Doktorarbeit konzentrieren - ein Privileg, das ich zu schätzen weiß. Jedoch stellt sich spätestens mit dem Abschluss der Promotion, das heißt, aller Voraussicht nach im kommenden Jahr, akut die Frage nach einer beruflichen Zukunft innerhalb des Wissenschaftsbetriebs.
Allzu rosig sind die Aussichten nicht. Slawistik und Polonistik gehören zu den kleinen Fächern, die nach der im Hochschulbereich um sich greifenden ökonomischen Logik nicht "rentabel" und daher bundesweit von unkoordinierten Sparmaßnahmen oder gar Institutsschließungen bedroht sind. Die Zukunft der Literaturwissenschaft und nationalsprachlich geprägten Philologien ist in Zeiten der Modularisierung und der Bachelor-Studiengänge ebenfalls ungewiss. Daher sehe ich meine Nebentätigkeiten - das Übersetzen, das journalistische Schreiben oder auch Recherchearbeiten im deutsch-polnischen Bereich - inzwischen nicht mehr nur als willkommene Abwechslung zur Arbeit am Schreibtisch oder in der Bibliothek, sondern verstärkt auch als ernsthafte berufliche Alternativen. In Krisenzeiten beim Schreiben habe ich mich auch schon auf Stellen beworben, die überhaupt nichts mit der Wissenschaft zu tun hatten. Aber letztlich ist mein Profil doch stark akademisch geprägt. Und trotz der äußeren Unwägbarkeiten und gelegentlicher Zweifel habe ich bis jetzt noch nichts entdeckt, das mich mehr interessiert als das wissenschaftliche Arbeiten. Deshalb kann ich mir eine bezahlte Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft zwar durchaus vorstellen, ich denke aber, dass mir dabei etwas fehlen würde.

Kontakt: Bernhard Hartmann, E-Mail: bernhard.hartmann@web.de

Bernhard Hartmann
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[Letzte Aktualisierung 26.11.2005, Bültge]