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3. Ausgabe: Dezember 2005
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Anlauf zur magischen Hürde

Sozialpsychologe Immo Fritsche hofft auf eine unbefristete Professur

Not everyone is sure of what his or her professional goals are from the first day of studies onwards. Immo Fritsche, however, was sure. He wanted to become a peace researcher, and his study of psychology was geared towards preparing him for this calling. He worked determinedly - and ultimately successfully - to reach his goal. Now, Immo Fritsche must pass the last hurdle, an appointment to a professorship, so that he can continue working towards world peace through his research. Therefore, the current situation for the father of three is filled with ambivalent tension.

Nicht immer sind Berufsziele schon am Anfang des Studiums so klar. Für Immo Fritsche stand aber fest: Das Psychologiestudium sollte ihn darauf vorbereiten, Friedensforscher zu werden. Zielstrebig hat er sein Ziel verfolgt und erreicht. Nun gilt es, die letzte Hürde zur Professur zu nehmen, damit er auch in Zukunft forschend einen Beitrag für den Weltfrieden leisten kann. Für den dreifachen Fanlilienvater eine Situation mit ambivalenter Spannung.


Zwischen Weltverbesserung und Existenzsorgen:
Sozialpsychologe Immo Fritsche.
Foto: zg

Ich werde Friedensforscher! Es gibt wenige Berufswünsche, die den bereits in jungen Jahren Abgeklärten mehr belustigen als dieser. Ich habe ihn 1992 ganz ernst gemeint, als ich mein Psychologiestudium an der Uni Potsdam aufnahm. Nach einem guten Jahr Zivildienst in einer friedensbewegten Kirchengemeinde erschien mir der Beruf des Pastors zu weltlich und zu kleinkariert. Ich suchte eher das große Format. Die Weltformel des öffentlichen Glücks. Also hatte ich mich auf Studiengänge wie "Sozialwissenschaften" und "Diplompädagogik" beworben. Und auf die hart umkämpfte Psychologie, die schon damals mit Numerus Klausus belegt war, für die ich aber schließlich die Zulassung bekam. Mit dem Studium der Psychologie, so dachte ich, könnte ich immerhin einen soliden Beruf lernen und mich später als Lebensberater niederlassen, falls sich der Weg zum Weltfrieden doch als steiniger und unbefriedigender erweisen würde, als erhofft.
Die folgenden sechs Jahre brachten mich meinen hochgesteckten Zielen näher. Wir waren damals der erste Jahrgang von Diplompsychologen. Das hatte den Nachteil eines zunächst äußerst eingeschränkten Angebots an Lehrveranstaltungen. Es hatte den Vorteil von 20-Personen-Seminaren und vom direkten Kontakt mit dem Lehrpersonal. Das waren zumeist junge, engagierte Leute. Der direkte Draht war leicht zu finden - nicht nur als Studierendenvertreter in Berufungskommissionen und Fachschaftsrat. Diese Blicke hinter die Kulissen haben mein Gesamtverständnis vom System Uni bedeutend erweitert.
Von der ersten Einführungsvorlesung an war klar: Ich musste in die Sozialpsychologie. Nicht nur wegen der Namensähnlichkeit zu Sozialismus, Sozialstaat oder zu einer meiner ursprünglichen Fächeralternativen. Vor allem, weil diese Teildisziplin in ihrem Forschungsprogramm der vergangenen 50 Jahre so sehr geprägt war vom konstruktiven Erschrecken über das Warum von Krieg und systematischer Entmenschlichung, beziehungsweise der Entblätterung dessen, was man vormals für in seinem Wesen "menschlich" gehalten hatte.
Ich nutzte während des Studiums die Möglichkeit, einen Teil der Pflichtpraktika an Forschungseinrichtungen abzuleisten, wurde studentische Hilfskraft in der Sozialpsychologie und wirkte dort an mehreren Forschungsprojekten mit. Auch studentische Hilfskräfte bekamen die Möglichkeit, autonome Beiträge zu leisten und an Projektpublikationen mitzuwirken. So erlernte ich über vier Jahre die Grundtechniken und -facetten wissenschaftlichen Arbeitens. Bei einem Praktikum am interdisziplinären Potsdam Institut für Klimafolgenforschung lernte ich schließlich meinen zukünftigen Doktorvater kennen: Sozial- und Umweltpsychologe und als solcher selbstredend der organisierten Weltverbesserung verpflichtet. Das sprach mich an und so schrieb ich meine Diplomarbeit zu den Effekten von Öffentlichkeit und Privatheit auf die Rechtfertigung umweltschädigenden Verhaltens. Ich fuhr in Berliner Flughafenbussen von Zoo nach Tegel und wieder zurück und erfragte in meinen Fragebögen die Geständnisse von bekanntermaßen besonders umweltschädigenden Kurzstreckenfliegern. Das Angebot einer Interviewpartnerin, mich doch unbedingt in ihrer Versicherungsagentur zu melden und dort eine Karriere als Versicherungsmitarbeiter zu beginnen, beschäftigte meine Fantasie nur für einen kurzen Augenblick.



Gehört zum Job eines Wissenschaftlichen Assistenten:
studentischen Nachwuchs ausbilden.
Foto: zg

Heute arbeite ich als Wissenschaftlicher Assistent am international sehr gut aufgestellten Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Jena. Das verbindende Thema der mehr als 25 Doktoranden und promovierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die Erforschung der psychologischen Grundlagen von Verhalten zwischen Gruppen. Ein prominentes Phänomen sind beispielsweise die Auswirkungen willkürlicher Kategorisierung von Versuchsteilnehmern in bedeutungslose Gruppen (das Los entscheidet über die Zuordnung). Allein eine solche Einordnung führt zu im Labor beobachtbaren Formen der sozialen Diskriminierung.
Die Arbeit als Wissenschaftler an einer deutschen Universität besitzt das Potenzial nahezu uneingeschränkter inhaltlicher Freiheit und ermöglicht ein gesichertes finanzielles Auskommen. Zumindest dann, wenn man die magische Hürde zur unbefristeten Professur spätestens zwölf Jahre nach Studienabschluss überspringt. Die Möglichkeit, diese Latte trotz zwölfjähriger Qualifikation zu reißen, stört jedoch den ruhigen Schlaf. Als akademisch am Publikationserfolg in internationalen renommierten Fachjournalen gemessener Sozialforscher wird man nach der gescheiterten Berufung eher Gebrauchtwagenhändler als Leiter der Schering-Forschungsabteilung. Alternativ zu den jährlich vielleicht vier inhaltlich passenden Stellenausschreibungen in Deutschland winken allerdings immer wieder Stellen im Ausland, die eine attraktive Alternative zum stark regulierten heimischen Arbeitsmarkt bieten.
Es bleibt also spannend. Eine Spannung, die allerdings mit 33 Jahren und drei Kindern durchaus ambivalent ist. Aber was tut man nicht alles für den Frieden - für den persönlichen wie für den öffentlichen.

Kontakt: Immo Fritsche, E-Mail: Immo.Fritsche@uni-jena.de

Immo Fritsche
CopyrightŠ 2001 Universität Potsdam, Glaesmer
[Letzte Aktualisierung 26.11.2005, Bültge]