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3. Ausgabe: Dezember 2005
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Vom Fernweh angetrieben

Juniorprofessorin Anja Bandau lehrt und forscht als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin

Anja Bandau wanted to learn foreign languages, get to know new cultures and discover other countries. Therefore, she studied Slavic, Anglican, American and - later - Romance studies at the University of Potsdam. Especially the seminars on literary studies inspired her greatly. They even led her to write her dissertation on two Mexican-American women authors and cultural theorists. Anja Bandau remained true to academics and works today as a junior professor at the Institute for Latin American Studies at the Free University in Berlin.

Anja Bandau wollte sich Sprachen aneignen, andere Kulturen kennen lernen und ins Ausland gehen. Deshalb studierte sie zunächst Slavistik, Anglistik/Amerikanistik und später Romanistik an der Universität Potsdam. Sie begeisterten vor allem die literaturwissenschaftlichen Seminare. Deshalb promovierte sie auch über zwei mexikanisch-amerikanische Literatinnen und Kulturtheoretikerinnen. Anja Bandau blieb der Wissenschaft treu und arbeitet heute als Juniorprofessorin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.


Interesse am Fremden im Eigenen:
Prof. Dr. Anja Bandau.
Foto: privat

Das Berufsbild der Wissenschaftlerin stand nie explizit auf meiner Liste der Berufswünsche. Ein gewisses Fernweh, das Interesses an anderen, unbekannten Kulturen, aber auch am Fremden im Eigenen hat mich immer bewegt und angetrieben. Das Interesse an komplexen Zusammenhängen und an Phänomenen, die sehr viel mehr sind als nur ihr erstes Erscheinungsbild, begleitet mich seit meiner Schulzeit. Ich wollte unter anderem Japanologie studieren, dazwischen kam jedoch die "sozialistische Studienlenkung", die mich den Beruf der Russisch- und Englischlehrerin wählen ließ. Das Verlockende an einem Studium der Slavistik und Anglistik/Amerikanistik erschien mir weniger die Berufsperspektive Lehrerin als das Studium anderer Sprachen und Kulturen sowie die Möglichkeit, im Ausland zu studieren.
Während meines Lehramtsstudiums der Slavistik, Anglistik/Amerikanistik und nach der Wende der Französistik begeisterten mich vor allem die literaturwissenschaftlichen Seminare. 1990, nach meiner Rückkehr von einem einjährigen Aufenthalt in der damaligen Sowjetunion, war für mich neben den sich neu eröffnenden sozialen und geographischen Räumen das Aufregendste, neue theoretische Ansätze studieren zu können. Sie bedeuteten nicht nur verschiedene Zugänge zur Literatur, sondern auch andere Weltsichten. An der Potsdamer Universität entstand ein neues Institut für Romanistik, und ich begann dort Französisch zu studieren.
Parallel dazu ermöglichte es mir ein Promotionsstipendium der Böll-Stiftung, ein Forschungsprojekt zu entwickeln, dessen Gegenstand mir erstmalig während eines dreimonatigen Studienaufenthaltes in Manchester begegnete. Daraus entstand meine Dissertation über zwei mexikanisch-amerikanische Literatinnen und Kulturtheoretikerinnen, deren Texte das "Zwischen-den-Kulturen-Stehen" thematisieren. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterinnenstelle am neu gegründeten Institut für Romanistik eröffnete mir nicht nur die Möglichkeit des Forschens und Lehrens, sondern auch eine berufliche Perspektive in der Wissenschaft. Nur, dass ich bislang vor allem Slavistin und Nordamerikanistin war und nun, quasi über Nacht, zur Romanistin wurde. Meine Professorin ermunterte mich unter Hinweis auf ihr eigenes Beispiel: Aus der Altphilologin wurde eine Romanistin. Ich erschloss mir, durchaus nicht über Nacht, sondern über mehrere Jahre und in Auseinandersetzung mit den zwei höchst unterschiedlichen Wissenschaftskulturen der Nordamerikanistik und der Romanistik, ein neues Fach. Entwickelt habe ich dabei vor allem die eigenen Fähigkeiten, das an unterschiedlichen Gegenständen erworbene theoretische und methodische Know-how in neue Felder zu übertragen. Sich einem Fach von dessen Rändern her zu nähern, hat den Vorteil, dass man seine Fachkultur sehr viel bewusster in den Blick nimmt und aus der Perspektive des anderen Fachs hinterfragt.
Seit Januar 2005 bin ich Juniorprofessorin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, lehre und forsche als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin zu spanischsprachiger Literatur und Kultur in den USA und der Karibik. Die Beschäftigung mit literarischen Texten und kultureller Produktion ist geblieben, die konkreten geographischen und kulturellen Kontexte haben sich noch einmal verändert. Konkretisiert hat sich mein Forschungsinteresse. Es gilt vor allem Literaturen und Kulturen, die im Ergebnis von Migration und Kulturtransfer entstehen sowie transkulturelle und transnationale Prozesse inszenieren.


Andere Länder, andere Kulturen: Neue Weltsichten.
Foto: Eckhardt

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist eine der Möglichkeiten, die mich an der neuen Beschäftigung am Lateinamerika-Institut besonders reizt. Ethnologen, Historiker, Soziologen, Politikwissenschaftler sowie Literatur- und Kulturwissenschaftler arbeiten hier zu einer Region, und ein starker Akzent liegt auf der Forschung. Vernetzte Zusammenarbeit und Austausch wurden im Verlaufe meiner wissenschaftlichen Karriere immer wichtigere Forschungsbedingungen für mich, die ich bereits an der Potsdamer Universität im Bereich der Geschlechterforschung inter- und transdisziplinär erproben konnte. Die wissenschaftlichen Kontakte mit meinen Potsdamer Kolleginnen und Kollegen halte ich in verschiedensten Forschungszusammenhängen, ob nun in einem Projekt zur Ästhetisierung von Bürgerkriegserfahrungen oder im Berlin-Brandenburgischen Forschungsverbund zu Lateinamerika.
Als Juniorprofessorin für Lateinamerikanistik ist es heute eine der dankbarsten Aufgaben, sich neue Forschungsgegenstände zu erschließen, selbstbestimmt neue Fragen zu stellen und die Verbindung zwischen Forschungsgegenstand und sozialer Realität immer wieder herzustellen, egal ob ich Lateinamerika vor Ort oder hier in Berlin erforsche. Eine Herausforderung ist es, dies neben den immer mehr zunehmenden Aufgaben des Wissenschaftsmanagements nicht aus den Augen zu verlieren.
Ein ganz persönliches Fazit aus dieser Geschichte: Es lohnt sich, der forschenden Neugier, den wissenschaftlichen Interessen nachzugehen und zu versuchen, unterschiedliche Bereiche zu verbinden. Der institutionelle Rahmen, sei es in Form eines Stipendiums, einer Stelle im Lehrbetrieb oder in einem Forschungsprojekt, ist dafür allerdings eine wesentliche Voraussetzung.

Kontakt: Prof. Dr. Anja Bandau, E-Mail: abandau@zedat.fu-berlin.de

Prof. Dr. Anja Bandau
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[Letzte Aktualisierung 26.11.2005, Bültge]