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2. Ausgabe: Dezember 2004
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Jenseits ausgetretener Pfade

Susanne Fienhold Sheen ist selbstständige Stadtführerin



Verlässt sich nicht
auf das offiziell Geschriebene:
Stadtführerin Susanne Fienhold Sheen.
Foto: privat

For the chance to work as a production manager for TV Susanne Fienhold Sheen waived her university degree. Later she had no more fun working in media. So she became a free-lance city guide in Potsdam. Her studies in German philology and Sociology are helpful in this job, because she learned how to find information and being critical toward its origins. This is very important to her because there are many contrary information about city history. With her knowledge about Potsdam beside the official texts she is delighting her audience.

Für ein verlockendes Jobangebot verzichtete Susanne Fienhold Sheen auf den Magistertitel. Nachdem die Arbeit in der Medienbranche ihren Reiz verloren hatte, machte sie sich als Stadtführerin selbstständig. Einige Fähigkeiten, die sie sich im Laufe ihres Studiums der Germanistik und Soziologie erworben hat, kommen ihr bei der Arbeit sehr zugute - und damit auch ihrem Auditorium, dass sie mit lebendigen und authentischen Geschichten über Potsdam begeistert.

Nun ist es ja nicht so, dass man auf der Straße steht bei vielleicht zwei Grad plus, in fünfzig Gesichter guckt, die alle neugierig zurück gucken und was wissen wollen in den nächsten zwei Stunden, und ein paar der lieben Kollegen sind auch da, also, dass man da steht und denkt: Was hab ich an der Uni gelernt, was mir jetzt helfen könnte? Man denkt eher nicht mehr, allenfalls, ob die Stimme reicht. Sowieso ist das ja alles seltsam; mein Weg zur Uni Potsdam der krummste, der sich denken lässt. Und auch danach führten die Straßenschilder keineswegs direkt zu diesem kalten Nachmittag an der Schiffbauergasse und zu meinem ersten Satz, der immer mein erster Satz ist: Mein Name ist Susanne Fienhold Sheen, und ich bin selbstständige Stadtführerin in Potsdam.
Ich war alles mögliche, die meiste Zeit in der Medienbranche, und, um es kurz zu machen, ich habe meinen Uni-Abschluss nicht, ich habe ihn abgewählt für die Chance, Produktionsleiterin einer Fernsehproduktionsfirma zu sein. Schlechtes Timing, ja vielleicht, aber andere Magister der Germanistik und Soziologie standen damals nach ihrem Abschluss auf der Straße oder fuhren Taxi, um ein altes Klischee zu bedienen. Und dann, später irgendwann, hatte ich keine Lust mehr, keine Freude mehr an der Produktion medialer Erzeugnisse und einen wütenden Frust darauf, bei aller eigenen Verantwortung letzten Endes doch immer einen Chef zu haben. Deshalb habe ich mich selbstständig gemacht, das mit der Stadtführerei war Zufall, aber ein hochwillkommener.



Unverhoffte Einblicke in Potsdams Geschichte:
Ein Hof im holländischen Viertel.
Foto: privat

Die Frage, was nun mein Studium an der Universität Potsdam dazu beigetragen hat, heißt, einen Teilaspekt, eine Wegstrecke aus einem ganzen Stadtplan von, wie gesagt, sehr krummen Straßen herauszulösen. Denn der große Vorteil von krummen Wegen in nicht auf dem Reißbrett geplanten Städten ist, dass man eben nicht verloren geht, sondern das alles letztendlich doch immer genau auf den Platz führt, auf dem man sich gerade befindet. Es ist nicht immer der Marktplatz mit der größten Kirche. Aber sind es nicht gerade die versteckten Ecken, die so überraschenden Charme entfalten und die wir alle suchen, abseits der ausgetrampelten Touristenpfade?
Also, was hat es gebracht? Das erste, was mir einfällt, ist: Quellen erschließen und beurteilen zu können. Man glaubt ja nicht, wie viele sich völlig widersprechende Informationen zu der Geschichte einer Stadt sich finden lassen. Da wohnten zum Beispiel laut mehrerer laufender Meter Potsdam-Literatur die preußischen Soldaten vor der Erfindung der Kaserne in den Giebelstuben der Typenhäuser der barocken Stadterweiterung. So etwas setzt sich dann fort bis in Wohnzeitschriften, die die vorbildliche Sanierung eines Barockhauses in Potsdam besprechen. Aber es ist eben falsch.
Und was akzeptiert man überhaupt als Quelle? Wer sich als Stadtführerin auf das offiziell Geschriebene verlässt, ist verurteilt, knochentrockene Vorträge zu halten. Auch die mündlich überlieferte Geschichte einer Stadt ist wichtig, vielleicht sogar wichtiger als ihre akribisch festgehaltene Baugeschichte zum Beispiel. Wo man das lernt? In Seminaren zur qualitativen Sozialforschung zum Beispiel, aber auch in germanistischen Angeboten, an denen die Postmoderne und die Feministische Theorie nicht spurlos vorbeigegangen sind. Reine Historiker schienen sich damit etwas schwerer zu tun - nichts für ungut.
Ein großes Thema meiner Studienzeit, Interdisziplinarität, ist geradezu Hauptdirektive für Stadtführerinnen. Die Berührungsängste und Animositäten zwischen den Fachbereichen, ebenso wie die donnernde Begleitmusik, wenn sich dann doch mal zwei Kollegen verschiedener Richtungen zusammenfanden, habe ich schon als Studentin nicht verstanden. Neugier lässt sich so schlecht in voneinander geschiedene Bahnen lenken, und es ist eben Neugier, die mich aus all den Gesichtern meiner Gäste ansieht, die mit mir durch Potsdam gehen wollen.



Immer wieder Neues entdecken:
Windrat an einem Haus am Neuen Markt.
Foto: privat

Respekt, aber keine Angst zu haben vor Autoritäten, die das eine wollen und das andere verdienen - das hatte ich schon gelernt, bevor ich zur Uni kam, aber dort wurde es vertieft und qualifiziert. Es lässt sich nicht lebhaft von Friedrich dem Großen sprechen, wenn man sich gegenüber dieser riesenhaften historischen Gestalt nicht auf Augenhöhe fühlt. Und dann fragt einer etwas, oder eine sagt, sie hätte gehört, das Schloss Sanssouci wäre mit den Erlösen der ostfriesischen Heringsfischerei bezahlt worden. So etwas kommt vor, beinahe immer, und man hat keine Antwort, schon gar keinen Gegenbeweis parat, aber immerhin die Gelassenheit zu sagen: Das weiß ich leider nicht. Ach, interessant, das hab ich ja noch gar nicht gehört. Es ist nicht schlimm, nicht alles zu wissen, da ist eben eine Quelle, die noch nicht erschlossen ist, ein Zeitzeuge, mit dem man noch nicht gesprochen hat, eine Fachrichtung, die noch nicht integriert ist.
Wunderbar, dann gibt es noch viel zu tun! Das ist so ein Satz, den ich in Erinnerung habe aus meiner Studienzeit, von einem meiner Lehrer. Und an diesem kalten Tag in der Schiffbauergasse ist auch eine meiner früheren Dozentinnen dabei; und nach zwei Stunden habe ich die Prüfung bestanden und sie sagt: Das habe ich alles überhaupt noch nicht gewusst, woher weißt du das nur alles? Selbststudium - das hab ich gelernt.

Kontakt: Susanne K. Fienhold Sheen, Stadtführungen, Tel. 0177-8805780, Fax: 01212-5387-65783, E-Mail: kontakt@visit-potsdam.de
Weitere Informationen unter www.visit-potsdam.de

Susanne K. Fienhold Sheen
Copyright© 2001 Universität Potsdam, Glaesmer
[Letzte Aktualisierung 22.11.2004, Tobias Queck]