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2. Ausgabe: Dezember 2004
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Auf Station

Magister Ralf Dietrich fand seine Berufung als Krankenpfleger



Krankenpflegeschüler Dietrich:
Der Geschichtswissenschaft weiterhin verbunden.
Foto: privat

Ralf Dietrich had been studying history at the University Potsdam for eleven years. When graduating in 2003 he started a completely different career. In October 2003 he started a training for hospital nurse at St. Josef's-Hospital in Potsdam. The step from university to professional training was not the first change in his career. In the former GDR Ralf worked as a machinist in a factory. After that episode he had several other jobs before the decision to study history arose. Even during his new training he is staying connected with historical research. But with his new profession it seems that he has finally arrived. This long way, he says, was not wasted time but helped him to find his way and broaden his horizon. For him, these years of studying history were an important time he had to go through.

Ralf Dietrich hat elf Jahre Geschichte und Politikwissenschaften studiert und sein Studium im Jahre 2003 abgeschlossen. Doch dann ist er einen völlig neuen Weg gegangen: Seit Oktober letzten Jahres ist er Krankenpflegeschüler am St. Josef-Krankenhaus in Potsdam. Es war nicht die erste Veränderung in Dietrichs Berufsleben. Der zu DDR-Zeiten gelernte Maschinen- und Anlagenmonteur kündigte 1992 sein Arbeitsverhältnis im Öffentlichen Dienst als Aktenverwalter der Potsdamer Kindergeldkasse und begann an der Universität Potsdam zu studieren. Der Geschichtswissenschaft ist er nach wie vor verbunden, aber mit seiner neuen Arbeit scheint Dietrich bei sich selbst angekommen zu sein, zumal sie in der Familie Tradition hat.

Natürlich wird mir die Frage nach meinem beruflichen Wandel häufiger gestellt. Andere berufliche Perspektiven standen mir durchaus offen, aber diese hätten ebenso wenig mit meinem Studium zu tun gehabt und einen völligen Bruch beziehungsweise Neubeginn bedeutet. Der von mir eingeschlagene Weg wird gar nicht so selten beschritten. Ich kenne mindestens drei Studenten, die von einem fachfremden Studium in den Beruf des Krankenpflegers gewechselt sind.
Während das Interesse an der Geschichte und der Politik ein Kontinuum in meinem Leben darstellt, vollzog ich mit meiner neuen Ausbildung nicht den ersten Bruch in meiner Berufslaufbahn. Von 1987 bis 1989 ließ ich mich im damaligen Babelsberger "Karl Marx-Werk" zum Maschinen- und Anlagenmonteur ausbilden. In einer riesigen Werkhalle mit schlechter Luft und viel Lärm Schweißnähte von Kranauslegern glatt zu schleifen, fand ich jedoch auf längere Sicht nicht erfüllend. Nach meinem Wehrdienst nutzte ich die Umwälzungen in der DDR und visierte ein Geschichtsstudium an. Ich wollte es auf den Versuch ankommen lassen, Geschichtsinteresse und Beruf zusammenzubringen. Mir schwebte eine Tätigkeit in Museen, Archiven oder historischen Instituten vor.
Während meines Studiums verschlechterte sich jedoch einerseits die Arbeitsmarktsituation, so dass es für mich in diesen Bereichen keine Aussicht auf ein Beschäftigungsverhältnis gab. Andererseits ging mir das Handwerk des Historikers, Vorträge zu halten und zu schreiben, nicht so leicht von der Hand, wie es wohl sein sollte. Das Forschen hingegen, insbesondere das Bewahren von Geschichte vor dem Vergessen, bereitet mir noch heute viel Freude. Die fehlende berufliche Perspektive sowie ein wenig ausgeprägter Ehrgeiz, was meine Karriere betrifft - so habe ich auch immer, obgleich politisch aktiv, eine Laufbahn als Politiker für mich ausgeschlossen - ließ mich mein Studium unnötig in die Länge ziehen. Es fiel mir schwer, den "warmen Schoß" Uni zu verlassen. "Studierender" stellt immerhin einen guten Status dar, mit dem es relativ einfach ist, Nebenjobs zu bekommen, um sich finanziell über Wasser halten zu können.
Mit der Geburt meiner Tochter im Januar 2000 musste ich meine Einstellung ändern, da ich jetzt Verantwortung für einen Anderen übernahm. Der Lebensweg meines Großvaters, der in den 1930´er Jahren als arbeitsloser Malergeselle den Beruf des Krankenpflegers ergriff und Freude daran fand, hat mich wohl auf die Idee gebracht, es ihm gleich zu tun. Freunde und Bekannte haben mich schließlich bestärkt, diesen Weg zu gehen. Ein Praktikum im Krankenhaus sollte mir aber zeigen, inwieweit ich den unangenehmen Seiten des Pflegeberufes gewachsen bin. So leistete ich im Mai 2001 während des Jahresurlaubs meiner Halbtagsstelle ein vierwöchiges unentgeltliches Pflegepraktikum im Potsdamer St. Josefs- Krankenhaus. Ich war begeistert, die Arbeit kam mir gar nicht als solche vor. Von all den vielen Jobs, die ich bis dahin hatte, hob sich dieser positiv ab. Mit und für Menschen auf so vielfältige Weise sinnvoll tätig zu sein, ist genau meine Sache. Von diesem Beruf verspreche ich mir eine interessante, abwechslungsreiche, sinnerfüllte Tätigkeit, die Zukunft hat und eine große Auswahl an Einsatzgebieten, auch international, etwa bei "Ärzte ohne Grenzen". Außerdem bieten sich Qualifikationsmöglichkeiten bis hin zu Master-Studiengängen, etwa im Pflegemanagement.


Berufung und Beruf: Mit und für Menschen tätig sein.
Foto: privat

Bis zum Beginn der Ausbildung wollte ich jedoch mein Studium abschließen. Angesichts dessen, dass mich meine Nebenjobs gut auslasteten, ich dennoch viel Zeit für meine Tochter haben wollte, mein Sohn während des Prüfungssemesters im Juni 2003 geboren wurde und sich die Fertigstellung der Magisterarbeit mit dem stressigen Probehalbjahr der Krankenpflegeausbildung dann doch überschnitt, ließ diesen Abschluss zu einem enormen Kraftakt werden, trotz der Unterstützung, die ich von der Familie und den Uni-Dozenten erfuhr. Diese Anstrengung mit einem guten, und was die Magisterarbeit betrifft, sehr gutem, Ergebnis gemeistert zu haben, ist eine wichtige Erfahrung über mein Leistungsvermögen.
In meiner gegenwärtigen Aus-, wie zukünftigen Fort- und Weiterbildung wird mir diese Selbsterfahrung von Nutzen sein. Darüber hinaus ermöglichte mir meine Studienzeit eine ungemeine Horizonterweiterung, die Festigung meiner Persönlichkeit und nicht zuletzt die Begründung wichtiger Freundschaften. All dies hilft mir, nicht nur im Beruf, sondern auch im Leben zu bestehen. In diesem Sinne sehe ich mein Studium keineswegs als verlorene Zeit an. Der Geschichtswissenschaft bleibe ich außerdem treu. Zum einen werde ich weiterhin auf sozialgeschichtlicher Grundlage Familienforschung betreiben und in diversen Archiven die Lebensumstände meiner Vorfahren recherchieren. Zum anderen kann ich einem Angebot, zu promovieren, nicht widerstehen.

Kontakt: Ralf Dietrich, E-Mail: ralfdiet@web.de

Ralf Dietrich
CopyrightŠ 2001 Universität Potsdam, Glaesmer
[Letzte Aktualisierung 22.11.2004, Tobias Queck]