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Woran glauben? – Nicht-Religion in Ostdeutschland

St. Nikolaikirche in Potsdam. Foto: Karla Fritze.

St. Nikolaikirche in Potsdam. Foto: Karla Fritze.

Zwischen 2012 und 2015 besuchten der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Johann Ev. Hafner und seine damalige Mitarbeiterin, Prof. Dr. Irene Becci, mit ihren Studierenden religiöse Gemeinschaften in Potsdam. Als konfessionskundliches Unterfangen begonnen, weitete sich das Seminarprojekt auf alle Religionen und sogar auf den Graubereich der Esoterik und Lebenshilfe aus. Ähnliche Projekte einer „religiösen Stadtkartierung“ gab es bereits in Leipzig und Berlin; und ein vergleichbares Projekt läuft derzeit auch in Genf.

„Ostdeutschland ist der vielleicht am wenigsten religiöse Landstrich der Erde“, sagt der Religionswissenschaftler. Während es im vergleichbar bevölkerungsstarken Genf rund 400 religiöse Gemeinschaften gibt, sind es in Potsdam lediglich um die 80. „Über mindestens zwei Generationen hinweg forcierte der Sozialismus die Religionslosigkeit“, so Hafner. Die DDR propagierte ein nicht-religiöses, materialistisches Weltbild, Die daraus folgende Politik trug zum Teil drastische Früchte, etwa die bis heute nachwirkende Sprengung der Garnisonkirche im Juni 1968. Doch bereits im 19. Jahrhundert sei der Kirchgang in der Region seltener erfolgt als etwa in Bayern: „Im Protestantismus ist das innerweltliche Engagement für das Reich Gottes wichtiger. Es muss sich nicht liturgisch ausdrücken.“ Zudem bewirkte die Aufklärung in Preußen die Verdrängung des „volksfrommen“ Bereichs: Die Aufklärer wandten sich etwa gegen das Pilgern oder Bittbräuche, die als abergläubisch kritisiert wurden. Moralisch, aber nicht kultisch sollten Christen sein.

Traditionell ist Potsdam eine Beamtenstadt und ein Militärstandort samt Zulieferhandwerk; mit seinen 22 Forschungseinrichtungen, der Fachhochschule, der Filmuniversität Babelsberg und der Universität hat Potsdam heute bundesweit die höchste Wissenschaftlerdichte. Der hohe Rationalitätsgrad weckt einerseits Skepsis gegenüber religiösen Vorstellungen, andererseits verstärkt er das Interesse an weltanschaulichen Fragen. Dies wirkt sich auch auf den Kontakt der religiösen Gruppen zu den Bürgern aus: „In Potsdam ist eine Einkapselung der Gemeinden zu beobachten“, so Hafner. „Das Interesse der säkularen Umwelt an den religiösen Gruppen ist zwar hoch, aber deren Wille, nach außen zu wirken, gering.“ Gemeinden waren in der DDR-Zeit gewohnt, sich gegen eine religionsfeindliche Umgebung enger zusammenzuschließen; dieses Verhalten setzt sich in der gegenwärtigen religionsindifferenten Umgebung gewissermaßen fort. Der interreligiöse Dialog sei dagegen ausgeprägt. Dabei ist die Stadt gerade durch außergemeindliche Strukturen in kirchlicher oder Ordensträgerschaft bestimmt. So erfreut sich die katholische Marienschule, die von den Nationalsozialisten geschlossen und 2008 wiedereröffnet wurde, großer Beliebtheit. Auch das evangelische Oberlinhaus in der Rudolf-Breitscheid- Straße und das katholische St. Josefs-Krankenhaus am Park Sanssouci sind stadtbekannte Einrichtungen. Doch: „Viele Patienten bemerken gar nicht, dass sie sich in einem konfessionellen Krankenhaus befinden“, so der Religionswissenschaftler.

Die Forscher bestimmen, was eine Religionsgemeinschaft ausmacht

 „Wir landeten recht bald bei der Frage, was ein religiös interessanter Untersuchungsgegenstand überhaupt ist“, berichtet Hafner. Ist ein Yoga-Studio in Babelsberg eine religiöse Gemeinschaft? Immerhin besucht eine relativ feste Gruppe von 50 Personen das Studio; sie nutzen einen zentralen Ort und gleichen so einer Gemeinde: Mit dem Guru – im Hinduismus ein religiöser Lehrer – sprechen sie Mantras und lernen hinduistische Traditionen kennen. Hierzu zählen Reinigungsrituale wie das Trinken von Wasser und das Austreten am Morgen. Im Seminar entbrannte über diese Frage eine Diskussion. Letztlich wurde beschlossen, gerade solche Orte in die Studie einzubeziehen. „Anders als etwa eine Rückenschule, die allein der körperlichen Gesundheit dient, ist ein solches Studio aus unserer Sicht religiös“, so der Religionswissenschaftler. „Es muss nicht immer das Anbeten einer Gottheit sein.“

Wie bestimmt man Religion? Geht man vom Selbstverständnis der Menschen aus oder kann man ihnen auch Religiosität unterstellen? Schließlich sind hinduistische Konzepte des Karmas oder europäische Vorstellungen von Energie und Schwingung weit verbreitet, auch unter Menschen, die sich selbst nicht als religiös bezeichnen würden. Die Freimaurerei entstand Hafner zufolge in der Aufklärung als Alternative zum Christentum. „Das Freimaurertum bedeutet die religiöse Feier von Menschheitstugenden wie Freundschaft oder Freiheit, unabhängig von Religionsoder Standeszugehörigkeit.“ Hafner selbst besuchte einen Hochmeister der Freimaurer-Loge Teutonia zur Weisheit in der Kurfürstenstraße. Es gebe dort sowohl offene wie geschlossene Abende. „Arbeit“ nennen sich die geheimen Gottesdienstversammlungen. Dabei durchlaufen die Angehörigen drei verschiedene Grade. Der landläufige Begriff „hochgradig“ leitet sich von der Praxis einiger Logen ab, über diesen dreien noch viele weitere, höhere Initiationsstufen anzubieten.

Religionen weisen unterschiedliche Beziehungen zu Orten auf

 „Mit Bezug auf ihre Örtlichkeit gibt es auch in Potsdamzwei religiöse Selbstverständnisse“, sagt der Religionswissenschaftler. „Die ‚Tempeltheologie‘ geht von der besonderen Weihe des bestimmten Ortes aus. Gott ist an diesen Ort gebunden.“ So prägen die Kirchen der verschiedenen christlichen Konfessionen das Potsdamer Stadtbild: die evangelischen (uniert, lutherisch, reformiert) sowie die katholische und die orthodoxe Gemeinde. Die Alte Synagoge am ehemaligen Wilhelmsplatz (heute Platz der Einheit) hatten die Nationalsozialisten in den Novemberpogromen 1938 zerstört. Seit Langem bemühen sich das Bundesland und die jüdischen Gemeinden um einen Neubau der Synagoge.

Die „Zelttheologie“ sucht sich ihre Orte eher funktional und besteht nicht auf deren Sakralität. Solche religiösen Gemeinschaften schlagen ihre Zelte dort auf, wo sie gesehen werden, wo die Bürger sie gut erreichen können; sie nutzen oftmals temporäre Bleiben – etwa aus Gründen der Gentrifizierung. Die rund 80 Mitglieder der Moscheegemeinde beispielsweise beten in einem Apartment am Platz der Einheit. Auch auf den öffentlichen Plätzen Potsdams sind Vertreter religiöser Gemeinschaften anzutreffen. In der Brandenburger Straße etwa kommen regelmäßig Mitglieder von Scientology zusammen. Die religiöse Bewegung ist in Deutschland jedoch nur wenig erfolgreich: Bundesweit gibt es Hafner zufolge nur 5.000 bis 10.000 Mitglieder und kaum Zuwächse. Die Mormonen und die Zeugen Jehovas, die zur Straßenmission verpflichtet sind, verteilen Informationsmaterial und bieten sich für ein Gespräch an. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat, eine muslimische Reformreligion aus dem 19. Jahrhundert, ist ebenfalls im öffentlichen Raum aktiv.

Seit der Wende verhandeln Ostdeutsche religiöse und sozialistische Relikte neu

Zwar spielte die Kirche vor und während der friedlichen Revolution von 1989/90 eine wichtige Rolle, doch nach der Wende übertrug man das westliche Verbändesystem, etwa von Caritas und Diakonie, auf die neuen Bundesländer. Die bestehenden, vorwiegend familiär geprägten Strukturen fanden wenig Beachtung. Hafner zufolge begegneten die Bürgerinnen und Bürger dem mit Behördenskepsis; der Vertrauensvorschuss in die Kirche schwand nach dem Umbruch. Zwar habe die im Sozialismus eingeführte Jugendweihe zunehmend weniger Anklang gefunden – doch noch immer ist sie in der Region das häufigste Ritual, das Jugendliche vollziehen. Sie enthält mittlerweile keinen Eid mehr, weltanschauliche Elemente entfielen. „Die Literatur zur Jugendweihe, welche die Schüler heute an die Hand bekommen, stellt die eigene Biografie ins Zentrum.“ Sie ist laut Hafner inzwischen die religiöse Materie, der „god-term“ der Jugendweihe. Sie bedeutet nicht mehr den Eintritt in eine Gemeinschaft (Staat oder Arbeiterklasse), sondern fokussiert den individuellen Lebenslauf jedes Jugendlichen: „Man könnte das als Egoprojekt bezeichnen.“ Von dort aus werden die Jugendlichen in den Festreden auf ihre Verantwortlichkeiten hingewiesen.

Der seit Jahren erbittert geführte Streit um den Wiederaufbau der zerstörten Garnisonkirche sagt auch etwas über die Bedeutung von Kirchen als kulturelle Erinnerungsorte aus, wie Hafner sie beschreibt. Die gegen die Rekonstruktion ins Feld geführten Argumente betreffen die historische Verbindung der Kirche mit dem imperialen Preußen und dem Deutschen Reich. Die Kirche diente lange für staatssakrale Akte wie die Siegesfeier nach einer Schlacht. „Die Verbindung von Thron und Altar wird anhand der Garnisonkirche besonders deutlich“, erklärt der Religionswissenschaftler. Als weiteres Argument führen Gegner des Wiederaufbaus an, dass es bereits genügend Kirchen in Potsdam gebe, auch in unmittelbarer Nähe, die zudem wenig besucht seien. Die Befürworter argumentieren Hafner zufolge, dass der Beschädigung durch den Bombenkrieg und dem Abriss durch das sozialistische Regime nicht Recht gegeben werden sollte. Die Garnisonkirche gehöre zur Silhouette der Stadt. Zudem habe die Heilig-Geist-Gemeinde, die sich dort traditionell versammelte, ein pazifistisches Profil. In diesem Sinne könne der Wiederaufbau ein Zeichen der Friedensarbeit sein.

Das Projekt

2012 begonnen, untersucht das Forschungsprojekt „Nichtreligiosität in Ostdeutschland“ am Lehrstuhl für Christentum, inwiefern Lebensstile, Normen und Weltanschauungen in Ostdeutschland Reaktionen auf die forcierte Säkularisierung durch das ehemalige kommunistische Regime darstellen. Als Ergebnis der Untersuchung sollen demnächst Aufsätze und Porträts der Potsdamer Religiositäten in einem Sammelband erscheinen. Die von Irene Becci und Johann Ev. Hafner herausgegebene Publikation umfasst Aufsätze und Porträts von Studierenden und den Herausgebern, in denen die Glaubensgrundlagen, Riten, Örtlichkeit und Strukturen der Potsdamer religiösen Gruppen erörtert werden. Der Band ist Teil des Verbundprojekts „Nichtreligiosität in Ostdeutschland“ am Lehrstuhl für Christentum. Hierzu gehören auch das Dissertationsvorhaben von Jenny Vorpahl „Die Rolle der Trauansprachen bei der Ritualisierung und Sakralisierung standesamtlicher Eheschließungen in Deutschland“ und das Habilitationsprojekt „Atheistische Konzepte zum Aussterben von Religion“ von Dirk Schuster.

Die Wissenschaftler

Prof. Dr. Irene Becci war bis 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Lebensgestaltung – Ethik – Religion (LER). Seither ist sie Assistenzprofessorin am Institut de sciences sociales des religions contemporaines der Université de Lausanne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem religiöse Pluralität, Post-Sozialismus und neue Spiritualität.

Université de Lausanne
Institut de sciences sociales des religions contemporaines
E-Mail: Irene.BecciTerrier@unil.nomorespam.ch

Prof. Dr. Johann Ev. Hafner ist seit 2004 Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Christentum an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind die tertiäre Religiosität in Brandenburg, die systemtheoretische Theologie und  die interreligiöse Rezeption biblischer Gestalten im Judentum, Christentum und Islam.

Universität Potsdam
Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
E-Mail: hafner@uni-potsdam.nomorespam.de

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Agnetha Lang
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

 

Diesen und weitere Beiträge zur Forschung an der Universität Potsdam finden Sie im Forschungsmagazin „Portal Wissen“. http://www.uni-potsdam.de/up-entdecken/aktuelle-themen/universitaetsmagazine.html