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Erinnerungen an den stalinistischen Gulag im 21. Jahrhundert – Potsdamer Slavistin erhält Klaus-Mehnert-Preis

Wohnbaracke aus der Stalinzeit auf dem Museumsgelände von Perm-36. Foto: Nina Frieß.

Die Potsdamer Slavistin Nina Frieß wurde mit dem renommierten Klaus-Mehnert-Preis der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde ausgezeichnet. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slavistik erhielt ihn für ihre herausragende Dissertation zur aktuellen russischen Erinnerungskultur. Mit ihr sprach Jana Scholz.

Der Titel Ihrer Dissertation lautet: „Noch eine Frage lässt sich stellen: ‚Inwiefern ist das heute interessant?‘ Aktualisierungen von Erinnerungen an den stalinistischen Gulag im 21. Jahrhundert“. Von wem stammt dieses Zitat?
Ja. Das Zitat stammt von Viktor Vysockij, dem Moderator einer russischen Kultursendung. Vysockij hatte in seiner Sendung die Oper „Ein Tag im Leben des Ivan Denisovič“ besprochen. Diese basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Aleksandr Solženicyn und ist der wichtigste Text der russischen Gulagliteratur. In der Oper wird – wie in der literarischen Vorlage – ein Tag im Leben eines typischen Gulaghäftlings gezeigt. Vysockij findet die Oper zwar insgesamt sehr gelungen, fragt sich aber, inwiefern es heute überhaupt noch nötig sei, sich mit diesem Thema, also den stalinistischen Repressionen, zu befassen. Dieser Satz fasst die vorherrschende Meinung im erinnerungskulturellen Diskurs rund um die stalinistischen Repressionen in Russland sehr prägnant zusammen.

Wie erinnert man sich heute in Russland an den stalinistischen Gulag?
Die Formen der Erinnerung sind erstaunlich vielfältig. Das Spektrum der Medien, in denen an die Repressionen im Allgemeinen und die Arbeitslager im Besonderen erinnert wird, reicht von der Hochkultur zur Popkultur, von der Oper über den Spielfilm bis zum Kriminalroman. Allerdings ist es so, dass sich nur ein sehr kleiner Teil der russischen Gesellschaft für eine aktive Erinnerung an diesen Teil der eigenen Geschichte einsetzt. Die große Mehrheit will sich mit diesen „dunklen Seiten“ nicht befassen. Die russische Politik verfolgte nach dem Machtantritt Putins zunächst eine Pendel-Politik: Auf der einen Seite versuchte man, die positiven Errungenschaften der Sowjetunion (Industrialisierung, Erfolge in der Wissenschaft, Sieg im Zweiten Weltkrieg) wieder ins rechte Licht zu setzen und Negativa zu relativieren. Auf der anderen Seite sagte Putin bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer politischer Repressionen, dass man diese niemals vergessen dürfe. Taten folgten diesen Worten allerdings nicht. Seit der Ukraine-Krise und der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim hat sich die Situation in Russland stark verändert. Ich wage zu bezweifeln, dass man im russischen Staatsfernsehen derzeit TV-Serien zeigen würde, in der die stalinistischen Repressionen thematisiert werden, wie das beispielsweise 2007 in der Serie „Das Erbe Lenins“ getan wurde.

Wie kamen Sie dazu, sich mit dem stalinistischen Gulag zu beschäftigen?
Ich habe während meines Studiums ein dreimonatiges Praktikum bei der russischen Nichtregierungsorganisation Perm-36 gemacht. Perm-36 betrieb bis 2014 Russlands einziges Gulag-Museum, das sich auf dem Territorium eines ehemaligen Arbeitslagers befand. Die Organisation wurde in den 1990er Jahren von Menschenrechtsaktivisten gegründet und setzte sich gemeinsam mit der bekannten Menschenrechtsorganisation Memorial für ein Gedenken an die stalinistischen Repressionen in Russland ein. Das Museum war deshalb so besonders, weil es in Russland kaum noch sichtbare Spuren der Arbeitslager gibt – und das, obwohl es Tausende dieser Lager gegeben hat. In Perm-36 konnte man die einzige erhaltene Lagerbaracke der Stalinzeit besichtigen, einen Karzer, es gab eine Dauerausstellung zu den Repressionen und viele Bildungsprogramme für Schülerinnen und Schüler und Studierende. Im Sommer 2014 wurde das Museum durch die russischen Behörden geschlossen, im Frühjahr 2015 gab Perm-36 die Einstellung seiner politischen Arbeit bekannt. Inzwischen wurde das Museum wiedereröffnet, aber Besucher bekommen dort eine weichgespülte, das Ausmaß der stalinistischen Repressionen relativierende Version der sowjet-russischen Geschichte präsentiert.

Wird Sie die russische Erinnerungskultur weiterhin beschäftigen?
Wenn ich mir die derzeitigen Entwicklungen in Russland anschaue, dann befürchte ich, dass dieses Thema noch lange nicht abgeschlossen sein wird.

Die Dissertation erscheint 2016 unter dem Titel „Inwiefern ist das heute interessant?“ Erinnerungen an den stalinistischen Gulag im 21. Jahrhundert als Band 100 der Reihe Arbeiten und Texte zur Slavistik im Verlag Otto Sagner.

Text: Dr. Nina Frieß/Jana Scholz
Online gestellt: Matthias Zimmermann
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de