uni-potsdam.de

Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können die Funktionen dieser Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

„Auf Vergebung setzen“ – Zwei Potsdamer Religionswissenschaftler unterwegs in Ruanda

Prof. Dr. Nathanael Riemer (2.v.l.) und Kadir Sanci (6.v.l.), beide vom Potsdamer Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft, gemeinsam mit Ruandern am traditionellen Umuganda-Day. Foto: Kadir Sanci.

Der kleine ostafrikanische Staat Ruanda erlangte erst 1962 seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Belgien. Seitdem wurde er immer wieder durch Konflikte zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi erschüttert – die im Völkermord an den Tutsi im Jahr 1994 gipfelten, durch welchen Ruanda traurige internationale Berühmtheit erlangte. Das Land lag am Boden, zählte zu den ärmsten des Kontinents. Der Juniorprofessor für Jüdische Studien Nathanael Riemer und der islamische Religionswissenschaftler Kadir Sancı, beide vom Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Uni Potsdam, haben sich im September 2015 auf den Weg gemacht, um zu sehen, wie die Menschen über 20 Jahre später mit dieser Geschichte – und miteinander – leben.

Wie kam es zu dieser Reise?
Sancı: Ich bin Imam im interreligiösen Projekt „House of One“ in Berlin und war gemeinsam mit Pfarrer Georg Hohberg von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien zur Eröffnung eines ähnlichen Projekts in Ruanda eingeladen worden. In einem Gefängnis, in dem viele Täter des Genozids von 1994 inhaftiert sind, soll ein Haus eine Moschee und eine Kirche beherbergen – ein Ort für alle zum Gebet, ein Ort auch zum Näherkommen. Zwei Tage vor der Abreise wurde die Eröffnung abgesagt. Und das, obwohl die religiösen Oberhäupter der Region das Projekt unterstützen. Der Grund ist unklar. Wir haben uns entschieden, trotzdem zu fahren.

Riemer: Als Kadir von den Reiseplänen erzählte, hab ich gefragt, ob ich ihn begleiten könne. Ich wollte, auch und gerade als Religionswissenschaftler, mehr über die Geschichte des Genozids von 1994 erfahren. Warum kommt es zu einem Genozid? Kann so etwas überhaupt verhindert werden? Und lässt sich der Genozid in Ruanda von 1994 mit der Schoa vergleichen?

Sancı: Wir haben uns dann schnell ein Alternativprogramm zusammengestellt. Über Bekannte bekam ich Kontakt zu einem NGO-Aktiven vor Ort, der sich bereit erklärte, uns aufzunehmen, zu vermitteln, schließlich sogar uns zu begleiten. Wir haben viele Menschen getroffen, Geschäftsleute und Investoren, Grünhelme (eine deutsche Hilfsorganisation, die sich als interreligiöses Friedenscorps versteht) NGOs, Vertreter von deutschen Organisationen vor Ort und religiöse Vertreter. Außerdem haben wir eine Schule besucht, ein Heim für Straßenkinder sowie eine Genozidgedenkstätte.

Wie haben Sie Ruanda erlebt?
Riemer: Von April bis Juli 1994 wurden in Ruanda mehr als 800.000 Menschen erschlagen – mit Macheten und Keulen, nicht nur von Milizen, sondern auch von Nachbarn. Dies bestimmt das Bild von Afrika bis heute, wenn man in dieses Land reist: gewalttätig, unsicher, geprägt von Hunger und Leid. Umso erstaunlicher ist, dass von der ersten Begegnung an alle Gesprächspartner, oft ungefragt, sagten: Ruanda ist sicher, auch für Weiße, auch nachts. Es stimmt, wir haben es ausprobiert. Es gebe keine Toleranz für Korruption, hieß es meist als nächstes. Es wird viel bewegt. Kigali, die Hauptstadt, wird teilweise ganz neu aus dem Boden gestampft. Und viele sagten ebenfalls demonstrativ: Die Ruander verstehen sich heute als eine Nation und versuchen, einer erneuten ethnischen Teilung frühzeitig entgegenzuwirken.

Sancı: Viele Akteure haben sich darum bemüht, Diskriminierungen zu unterbinden. Ehen zwischen Menschen unterschiedlicher Ethnien werden begrüßt und gefördert. Bei der Vergabe öffentlicher Stellen wird nach Kompetenzen gefragt, nicht nach Herkunft. Auch das religiöse Klima ist sehr offen.

Aber wie gelingt ein Neuanfang nach einem Völkermord?
Riemer: In diesem Fall: zunächst von oben. Die Tutsi-Rebellen, die den Genozid 1994 beendeten, sorgten für eine Stabilisierung. Diese ging natürlich auch zulasten der bis dahin Herrschenden. Die Tutsi bildeten die erste Regierung nach dem Genozid und prägen sie bis heute. Und sie haben ihrem Land einen Versöhnungsprozess verordnet. Reibungslos war und ist der gleichwohl nicht verlaufen: Viele Tutsi prangern an, dass die Prozesse der Aufarbeitung nicht die Täter in der ganzen Tiefe verurteilen. Hutu wiederum beklagen sich, dass im Kontext des Aufbaus und des Versöhnungsprozesses Tutsi häufig bevorzugt werden. Die tatsächlichen Vorgänge sind naturgemäß sehr komplex. Bei unseren Begegnungen hat das weniger eine Rolle gespielt. Die hierarchische Struktur des Versöhnungsprozesses wurde uns indes durchaus bestätigt.

Sancı: So blumig, wie es in den Äußerungen erscheint, ist es freilich nicht. Nach wie vor ist der Genozid ein schwieriges, ein Tabuthema. Man tut gut daran, differenziert zu schauen. Manches Positive wurde auf hierarchischem Wege erreicht und bietet deshalb noch keine sichere Lösung.

Riemer: Die Angst vor einem Wiederaufleben der ethnischen Konflikte ist groß. Der Weg einer verordneten Versöhnung kann vermutlich für die ersten 20 bis 30 Jahre der Einzige sein, der eine gewisse Sicherheit zu bieten vermag. Uns begegnete sowohl Skepsis als auch Hoffnung.

Sancı: Was in der jüngsten Zeit von der Regierung unternommen wird, um aus einem der ärmsten Länder Afrikas ein zukunftsfähiges Land zu machen, ist der Versuch, den Blick bewusst nach vorn zu richten. Als zentrale Aufgabe dabei gilt die Bildung. So wurde das Bildungssystem von Französisch auf Englisch umgestellt, um Anschluss an die überwiegend englischsprachige Welt des Internets zu finden.

Riemer: Ein Beispiel für eine besondere Form der Teilhabe ist etwa der Umuganda-Tag. Jeden letzten Samstag im Monat sind alle Ruander dazu aufgerufen, von 8 bis 12 Uhr an einer gemeinnützigen Arbeit teilzunehmen. Es werden Grünflächen gepflegt, Wüsteneien gerodet, Schulen eingerichtet. Ganz unterschiedlich, organisiert nach Stadt- und Ortsteilen. Werkzeug bringt man mit und arbeitet gemeinschaftlich. Wir haben uns dann kurzerhand angemeldet und mitgemacht. Irgendwann haben wir uns gewundert, dass viele eher dabeistanden und redeten. Erst später haben wir verstanden: Am Umaganda-Tag wird nicht nur gearbeitet. Er bietet auch eine Form des Austausches, indem die unmittelbare Nachbarschaft zusammengebracht wird. Dass geredet wird, ist gewünscht. Die Menschen sind vielleicht konträrer Meinung, aber sie kommen zusammen. Können wir für unsere Gesellschaft davon nicht etwas lernen?

Was zeigt ein vergleichender Blick auf den Genozid von 1994 in Ruanda und die Schoa?
Riemer: Die Schoa ist zumindest hier in Mitteleuropa nicht so öffentlich gewesen. Die Juden wurden gesammelt, abtransportiert und dann in Osteuropa vernichtet. In Ruanda fand der Genozid quasi „auf der Straße“ statt, und es war schon Tage vorher bekannt oder lag zumindest in der Luft. Für die Juden war das vorher nicht unbedingt klar. Zudem hat man in Ruanda versucht, sehr schnell mit der Aufarbeitung anzufangen. Das war zum Teil aus der Not geboren: Von den 750 Richtern des Landes hatten nur wenige überlebt oder waren selbst zu Tätern geworden. Auf der Suche nach Alternativen bei der Bewältigung des Genozids ist man sehr schnell auf ein traditionelles afrikanisches Schiedsgericht gestoßen. Bei diesem werden die Richter vom Dorf gewählt. Diesen überaus zivilgesellschaftlichen Prozess, der alle beteiligt, hat man versucht, für die Aufarbeitung zu nutzen. Nach einer Testphase 2001 ging das los und zog sich vielerorts bis 2010 hin. In Deutschland hingegen wurde die Aufarbeitung lange hinausgezögert und verschleiert, kam erst in den 1960er-Jahren so richtig ins Rollen. Nicht zuletzt waren nach der Schoa die Opfer schlichtweg nicht mehr da. Wer überlebt hatte, wanderte aus. In Ruanda leben Opfer und Täter teilweise noch heute Tür an Tür – und inzwischen auch wieder miteinander.

Sancı: Das ist das Besondere. Es wurde auf Vergebung gesetzt. Man spricht nicht immer und nicht immer offen darüber, aber die Menschen haben sich entschieden, – für ihre Zukunft – auf Vergebung zu setzen.

Warum kam dieser Weg zustande?
Sancı: Ruanda stand nach dem Genozid gewissermaßen still. Das hat den Ruandern möglicherweise einen Moment des Innehaltens verschafft – und die Erkenntnis, dass nur Vergebung dieser Gewalt ein Ende setzen und einen Neuanfang bringen würde.

Riemer: … natürlich hat es auch nach dem Ende des Genozids noch „umgekehrte“ Massaker oder einzelne Übergriffe von den vorherigen Opfern gegeben. Ein wichtiger Punkt aber ist: Die zuvor verfolgten Menschen waren oft – körperlich und psychisch – gar nicht mehr in der Lage, Vergeltung zu üben. Sie waren verletzt, vergewaltigt, ausgehungert, dehydriert. Es ging oft zunächst ums nackte Überleben. Gleichwohl verläuft der Prozess der Vergebung durchaus nicht unproblematisch: Bevor vergeben werden kann, muss zunächst jemand um Vergebung bitten. Es wird immer wieder kritisiert, dass das oft nicht der Fall war. Klar ist: Die fünf Tage reichten nicht aus, das Land vollständig kennenlernen. Wir wollten nicht aus einer besserwisserischen westeuropäischen Perspektive sagen: Ich hab alles verstanden. Wir haben versucht, alles aufzunehmen und wollen uns anschließend intensiver damit auseinandersetzen.
Sanci: Wir wollten nicht mit kolonialem Geist etwas hineintragen, sondern fragen: Was kann ich aus dieser Gesellschaft gewinnen?

Riemer: Sehr richtig …

Sancı: … deshalb wollten wir mitten in der Gesellschaft sein, waren in einer ruandischen Familie zu Gast. Und immer wieder haben wir uns die Frage gestellt: Was können wir mitnehmen? Zum Verhältnis zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen. Zu Formen der Teilhabe. Auch wenn wir vieles noch nicht verstehen, habe ich doch deutlich wahrnehmen können, dass die Menschen stolz sind, diesen Weg gegangen zu sein, Ruander zu sein, weil sie wissen: „Wir haben etwas Schlimmes erlebt und konnten daraus eine positive Wende schaffen.“

Wie geht es weiter mit Ruanda und Ihnen?
Sancı: Für mich hat sich eine Tür geöffnet. Ich habe auf beruflicher, gesellschaftlicher und auch persönlicher Ebene viele Gründe gefunden, um die Beziehung zu diesem Land weiter zu pflegen. Man denkt oft, wir seien in Europa sehr fortschrittlich, was etwa den Dialog angeht. Aber ein Gespräch mit dem Mufti in Kigali hat mir gezeigt, dass man anderswo keineswegs zurücksteht.

Riemer: Ich habe schon ganz konkrete Erkundigungen eingeholt, wie eine universitäre Zusammenarbeit aussehen kann. Sollte das nicht klappen, kann ich mir aber auch vorstellen, noch einmal allein hinzugehen. Mich als Lernender mit dem Land auseinanderzusetzen. Das erscheint mir die richtige Perspektive.

Und das „House of One“-Projekt?
Sancı: Anfangs dachte ich: Wenn ich nochmal eingeladen werde, komme ich wahrscheinlich nicht. Aber während der Reise habe ich meine Meinung geändert und würde das Projekt, wenn es beendet ist, auch gern besuchen. Zunächst aber hoffen wir – wie die Verantwortlichen –, dass das Haus selbst fertig und genutzt werden kann.

Das Interview führte Matthias Zimmermann.

Die Wissenschaftler
Prof. Dr. Nathanel Riemer, Juniorprofessur für Jüdische Studien mit dem Schwerpunkt Interreligiöse Begegnungen
Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft
Email: nriemer@uni-potsdam.nomorespam.de

Kadir Sanci, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft
Email: kadir.sanci@uni-potsdam.nomorespam.de

Online gestellt: Matthias Zimmermann
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de