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Von der Abweichung zum Mainstream – Die Modetheoretikerin Gertrud Lehnert über „Queer Fashion“

Zeitgenössische Karikatur eines „Dandy“, unbekannter Künstler. („Laceing a Dandy“, veröffentlicht von Thomas Tegg, 1819. Foto: Wikimedia.

Zeitgenössische Karikatur eines „Dandy“, unbekannter Künstler. („Laceing a Dandy“, veröffentlicht von Thomas Tegg, 1819. Foto: Wikimedia.

Ist ein junges männliches Model in Damenmode queer? Ist Unisex-Mode queer, die von allen Geschlechtern getragen werden kann?  „Queerness ist eine Praxis, die die Identitätsnormen unterläuft, sich Festlegungen entzieht und auf diese Weise Uneindeutigkeit erzeugt“, sagt die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Prof. Dr. Gertrud Lehnert. Der Ausdruck „queer“ kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „seltsam“. Heute ist „queer“ jemand, der insbesondere von der Geschlechternorm abweicht oder so empfunden wird.

„Was in der Mode jeweils als queer gilt, ist hochgradig ephemer“, erklärt Lehnert. Sind nämlich die Normen erst unterlaufen, werden queere Modepraktiken früher oder später vom Mainstream vereinnahmt. Überall in den Geschäften sind dann Kleider zu kaufen, die ursprünglich einen Gegenentwurf darstellten: Lederhosen, mit denen Lesben eine subkulturelle Zugehörigkeit ausdrückten, oder Ohrstecker, die bis dahin als Erkennungszeichen unter Schwulen galten. Ob dahinter noch der Wunsch nach Abweichung als politischer Impuls stehe, sei kaum zu entscheiden: „Das Modesystem sagt, dass wir alle originell sein sollen“, so Lehnert. Diese Originalität erreichten wir durch die Mischung ganz verschiedener Zeichen. „Das macht die Abgrenzung zwischen Queerness und Originalität in der Mode außerordentlich schwer.“

Seit rund 25 Jahren interessiert sich Lehnert für die Frage, ob Mode queer ist. Ihre Habilitationsschrift befasste sich mit einem besonderen literarischen Motiv: Frauen in Männerkleidern. Für konservative Literaturwissenschaftler war das kein wissenschaftliches Thema, obwohl diese Form von Maskerade ein wiederkehrendes Element kanonischer Literatur ist – von William Shakespeare über Johann Wolfgang von Goethe bis Virginia Woolf. Noch heute ist die Forschungslage zum Thema „Queer Fashion“ eher bescheiden. Aktuelle Forschungen konzentrieren sich vermehrt auf schwul-lesbische Moden.

Dabei gibt es queere Moden spätestens seit der Entstehung des Bürgertums – bei Männern wie bei Frauen. Die sogenannten „Dandys“ im 18. und 19. Jahrhundert betrachtete man als „effeminiert“, weil sie die Mode besonders kultivierten. Viele Karikaturen zeugen von der öffentlichen Wahrnehmung dieses alternativen Männerbildes. Die Schriftstellerin George Sand trug Männerkleider, um soziale Sichtbarkeit einzufordern. In den 1920er Jahren zeigten sich vermehrt Frauen wie etwa Radclyffe Hall in Männerkleidung; nicht zuletzt, um ihre lesbische Identität erkennbar zu machen.

Ein Avantgardist queerer Mode ist für Lehnert der britische Haute Couture-Designer Alexander McQueen (1969-2010). „Seine modischen Inszenierungen amalgamieren Totes und Lebendes, Schönes und Hässliches, sodass sich eine Queerness ganz anderer Qualität ergibt.“ McQueens Kleider aus Federn oder Muscheln, versehen mit bedrohlichen Dornen oder ausgestopften Vögeln, schaffen aus Lehnerts Sicht einen besonderen Aspekt von Queerness, der nicht mehr vorrangig mit Gender verknüpft ist: „Seine Entwürfe gehen über Konzepte von Heteronormativität weit hinaus.“

Die Verbindung von Körper und totem Material spielt in vergleichbarer Form in der Cyborg-Debatte eine Rolle, die hinterfragt, inwieweit mit Hightech-Ersatzteilen ausgestattete Menschen ethisch vertretbar sind. Solche „posthumanen“ Körper können neue Geschlechterbilder entwerfen. So trägt das US-amerikanische Model Amy Mullins von den Oberschenkeln abwärts Prothesen. Auch sie entwirft ein besonders in ihrem Berufsstand abweichendes Frauenbild: „Der Konstruktionscharakter von Natürlichkeit wird sichtbar“, so Lehnert. „Auch das macht Queerness aus: Sie macht so vieles möglich.“

Die Modetheoretikerin hält es auch für politisch wichtig, Geschlechterdebatten zu führen. Nach wie vor stellen viele Staaten von der Heteronormativität abweichende Sexualitäten unter Strafe; der neue Rechtsruck in Deutschland mache das Thema auch hierzulande brisant.

Die Beschäftigung mit Queerness bleibt wissenschaftlich wie politisch hochaktuell. Lehnert selbst plant für das Sommersemester ein Seminar zu „Gender und Queer Theory“ sowie einen Sammelband über „Queer Fashion“. Zudem veranstaltete sie im November 2015 den Workshop „Ist Mode queer?“. Es ging um historische sowie ganz aktuelle Phänomene der Modewelt: von queeren Modekörpern über queere Schuhe bis hin zu queeren Ausstellungsformaten.

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de