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Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Potsdam

Foto: Anke Geißler
Straßenschild mit einem Hinweis auf das ehemalige Zentrum jüdischen Lebens in Potsdam

Die Gründung der Jüdischen Gemeinde in Potsdam lässt sich etwa auf das Jahr 1740 zurückführen, als zehn männliche Juden in der Residenz- und Garnisonstadt lebten. Jüdisches Leben fand hier allerdings schon seit 1691 mit der Ersterwähnung eines jüdischen Kaufmanns statt. Dem ging das Aufnahmeedikt des Großen Kurfürsten vom 20. Mai 1671 voraus, das 50 aus Wien vertriebenen reichen jüdischen Familien erlaubte, sich in der Mark Brandenburg anzusiedeln und Handel zu treiben. Mit dem von König Friedrich Willhelm I. erlassenen General-Juden-Reglement durften jüdische Unternehmen ab 1730 auch in Potsdam Manufakturen errichten – vor allem im Textilgewerbe. Das eigentliche Ziel war hierbei die Ausnutzung der Wirtschaftskraft der Juden bei gleichzeitiger Beschränkung ihrer Anzahl. Doch wuchs die Gemeinde durch den stetigen Zuzug von Händlern und Angestellten.

Ein Friedhof wurde notwendig und 1743 am heutigen Pfingstberg auf Brachland angelegt. Nach der Errichtung einer Seidenfabrik durch den Schutzjuden Hirsch David erhielt die Stadt 1760 mit Jechiel Michel außerdem ihren ersten Rabbiner. Er setzte sich für den Bau einer Mikwe und einer Synagoge ein. Nur sieben Jahre später wurde diese in bester Lage am heutigen Platz der Einheit erbaut. Hier wirkte fortan auch ein Kantor. Zu der finanziellen Belastung durch diese Bautätigkeit kamen noch viele zusätzliche Steuern, die zu einer großen Verschuldung der Gemeinde führten.

Mit der wachsenden Gemeinde wurde jedoch eine größere Synagoge nötig. Trotz morastigen Untergrundes erfolgte der Neubau an gleicher Stelle und konnte bereits am 8. August 1802 eröffnen.

Das am 11. März 1812 in Preußen erlassene Emanzipationsedikt machte Juden zu Staatsbürgern. Die mittlerweile 70 Familien große Gemeinde übernahm fortan auch in ihrer seit der Städteordnung von 1808 selbstverwalteten Stadt Versorgungsaufgaben im Handel und Gewerbe. Außerdem bezahlten die Potsdamer Juden ihre Steuern und beteiligte sich an der Gestaltung des bürgerlichen Stadtlebens.

Nach der 1848er Revolution und nach dem Gesetz über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 war es auch den Potsdamer Juden erlaubt, sich als Synagogengemeinde und damit als rechtsfähige Körperschaft zu konstituieren. Daraufhin reformierten sie in einem langen Weg ihr eigenes Gemeindeleben. Die Ausbildung der Kinder, die Ausübung von Wohltätigkeitsaufgaben sowie die Ausgestaltung des Gottesdienstes spielten dabei eine große Rolle.

Im Jahr 1895 zählte die Gemeinde 477 Mitglieder. Aufgrund fehlender Brandschutzbedingungen engagierte man den Architekten Julius Otto Kerwien für den Neubau einer größeren Synagoge. Eröffnet wurde sie am 17. Juni 1903 am gleichen Standort unter Anwesenheit vieler hoher städtischer Vertreter. Knapp ein Jahr später starb Rabbiner Dr. Tobias Cohn, der von 1857 – 1896 mit seiner Arbeit die jüdische Gemeinde sehr geprägt und sich für den Bau einer Orgel eingesetzt hatte.

Der Erste Weltkrieg brachte eine Begeisterung und Tragik, die auch an der jüdischen Gemeinde nicht spurlos vorüberging. Im Gedenkbuch der Stadt Potsdam und in dem des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten sind zehn Potsdamer Juden aufgeführt, die für ihr „Vaterland“ gefallen waren. Trotz dieser gesellschaftlichen Anerkennung erstarkte wie anderswo auch in der Havelstadt der Antisemitismus. Diesem setzten die Juden frühzeitig eigene Akzente entgegen, organisierten öffentliche Veranstaltungen, intensivierten ihre Vernetzung untereinander und die Kontakte zu Christen.

Am 30. Januar 1933 übernahm mit der NSDAP eine Partei die Macht in Deutschland, die in ihrer Brutalität beispiellos war. Für die jüdische Bevölkerung begann nun eine Zeit der Angst, Entrechtung und Verfolgung. Am 9. November 1938 wurden in der Pogromnacht die Synagoge, der Friedhof sowie Geschäfte von Juden beschädigt; eine Verhaftungswelle jüdischer Männer setzte ein. Durch die Ausgrenzung konnten die Juden bald nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Sie mussten ihre Grundstücke, Geschäfte und Betriebe zwangsverkaufen, ihren Privatbesitz abgeben.

Aus der Jüdischen Gemeinde Potsdam ergriffen viele Familien die Flucht. Vor allem gelang es jungen Juden, ins Exil zu gehen oder in Berlin unterzutauchen. Bis auf Ausnahmen mussten die zurück gebliebenen und völlig ausgeplünderten alten und kranken Juden in eine Villa in Potsdam-Babelsberg umziehen, die als Altenheim bezeichnet wurde. Am 11. Januar 1942 wurden die letzten 40 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Potsdam nach Riga deportiert. Am 14. April 1945 zerstörten bei einem britischen Luftangriff auf Potsdam Brandbomben die am 30. Mai 1939 zwangsverkaufte Synagoge komplett.

Erst mit der Zuwanderung durch Juden aus der untergehenden UdSSR und ihren Nachfolgestaaten ab 1991 kehrte in Potsdam wieder jüdisches Leben ein. Schon am 21. März 1991 gründete sich die Jüdische Gemeinde Land Brandenburg mit Sitz in Potsdam und am 30. Oktober 1994 erfolge ihre Aufnahme in den Zentralrat der Juden in Deutschland. Weitere Gemeinden entstanden in den Jahren danach. Heute leben in Potsdam ca. 400 jüdische Familien mit insgesamt etwa 1200 Personen.

Johann Faix, Robert Krusemark

 

Quellen und Literatur:

StA Potsdam MR 138-141

Anke Geißler, Spurensuche auf dem Jüdischen Friedhof Potsdam. Eine Handreichung für den Unterricht, hrsg. von: Vereinigung für Jüdische Studien e. V., Potsdam 2016

Monika Nakath (Hrsg.), Aktenkundig Jude. Nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg. Vertreibung-Ermordung-Erinnerung, Berlin 2010.

Ulrich Knufinke, Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, Petersberg 2007.

Monika Schmidt, Schändungen jüdischer Friedhöfe in der DDR. Eine Dokumentation, Berlin 2007.

Katrin Quirin, Zerstört das Letzte die Erinnerung nicht. Die Schändungen auf dem jüdischen Friedhof in Potsdam. Ein lokalgeschichtlicher Beitrag unter besonderer Berücksichtigung der Zeit 1945-1990 im Vergleich mit der Zeit 1990-2003, Magisterarbeit der Universität Potsdam, Potsdam 2004.

Peter Michael Hahn, Geschichte Potsdams, München 2003.

Wolfgang Weißleder, Der gute Ort. Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, Potsdam 2000.

Irene Diekmann, Julius H. Schoeps (Hrsg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995.

Julius H.Schoeps, Hermann Simon (Hrsg.), Kaelter, Robert, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Potsdam, 1903. Reprint, Berlin 1993.

Martina Strehlen, Der jüdische Friedhof in Potsdam. Geschichte und älteste Grabinschriften (1743-1849), Magisterarbeit der Freien Universität Berlin, Berlin 1992.

Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (Hrsg.), Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914-1918. Ein Gedenkbuch. Berlin 1932. Reprint, Moers 1979.

Magistrat Potsdam (Hrsg.), Potsdamer Ehrenmal. Ihren im Weltkriege 1914-1918 Gefallenen, Potsdam 1927.