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Summer Education School "POLIN Meeting Point" 2017

Bericht von Rolf Blase

Vom 14. bis 27. August 2017 fand die dritte Summer School des POLIN Museums der Geschichte der polnischen Juden statt. Thema des diesjährigen POLIN Meeting Points war „Local Multiculturalism“ in Polen. Dabei ging es um die multiethnische Vergangenheit des Landes und die Frage, wie an verschwundene Bevölkerungsgruppen wie Juden und Deutsche erinnert wird. An der Summer School nahmen 44 Studierende aus Polen, Israel, der Ukraine (erstmalig) und Deutschland teil, davon drei von der Universität Potsdam.

Die ersten fünf Tage der Summer School verbrachten wir in Warschau. Nachdem der erste Tag dem Kennenlernen der TeilnehmerInnen gewidmet war, fand beschäftigten wir uns am Dienstag, dem 15. August, mit der Ausstellung des POLIN Museums. Am Vormittag bekamen wir eine Führung durch die Dauerausstellung, welche die tausendjährige Geschichte der Juden in Polen zeigt. Anschließend wurden wir in Kleingruppen aufgeteilt, die sich mit jeweils einer Epoche der Geschichte der polnischen Juden befassten. Meiner Meinung nach hätte man der Beschäftigung mit der Ausstellung des POLIN Museums durchaus mehr Zeit einräumen können. Ich habe mir die Ausstellung während unseres freien Tags am Samstag, dem 26.08., noch einmal angeschaut und hatte dennoch das Gefühl, nur einen Bruchteil gesehen zu haben. Die Fülle an Informationen, die im POLIN Museum geboten werden, ist wirklich beeindruckend, sodass es mehrere Besuche braucht, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Die folgenden drei Tage waren der thematischen Einführung und Vorbereitung auf den Besuch der Städte Łódź und Zduńska Wola gewidmet, an welchen die multikulturellen Vergangenheit Polens exemplarisch untersucht werden sollte. Dazu trafen wir uns in den Lehrräumen des POLIN Museums zu Vorträgen und Workshops. Ein Highlight war für viele TeilnehmerInnen der Vortrag von Prof. Aleida Assmann zum Thema „How History Takes Place – The City as Palimpsest“.

Am Freitagabend, dem 18.08., brachen wir dann nach Łódź auf. Die Stadt und ihre Vergangenheit lernten wir durch ein vom Marek Edelman Dialogue Center organisiertes Stadtspiel, sowie einen Rundgang durch das ehemalige Ghetto und den jüdischen Friedhof kennen. Letzteren fand ich besonders beeindruckend, schon allein durch seine enorme Größe und die gigantische Grabanlage des Łódźer Industriellen Izrael Poznański.

Unser Aufenthalt in Łódź diente vor allem der Vorbereitung auf den Besuch der in der Woiwodschaft Łódź gelegenen Kleinstadt Zduńska Wola, welche als Fallbeispiel für den Umgang mit der multikulturellen Vergangenheit Polens den eigentlichen Schwerpunkt der Summer School bildete. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es in Zduńska Wola, ähnlich wie in Łódź, große jüdische und deutsche Minderheiten gegeben, an die heute jedoch kaum noch etwas erinnert. Von Montag, dem 21.08., bis Donnerstag, den 24.08., suchten wir in Zduńska Wola nach Spuren dieser Vergangenheit. Wir besuchten die baptistische Kirche, welche an die verschwundene deutsche Bevölkerung erinnert, sowie den jüdischen Friedhof, der mit seinen über 3.500 Steinen die letzte Spur jüdischen Lebens in Zduńska Wola darstellt. Auch im Stadtmuseum begaben wir uns auf Spurensuche. Im Rahmen mehrerer Workshops lauschten wir Zeitzeugen, befragten die Bevölkerung und beschäftigten uns mit alten Fotografien und Karten. Wir lernten engagierte Personen wie Dr. Kamila Klausińska und Estelle Roziński kennen, die sich mit Projekten wie der Missing Mezzuzot Austellung für die Erinnerung an die jüdischen Einwohner Zduńska Wolas einsetzen, um die multikulturelle Vergangenheit der Kleinstadt wieder ins Gedächtnis der Bevölkerung zu bringen.

Die letzten Tage verbrachten wir wieder in Warschau. Am Ende der Summer School ging es darum, die gewonnenen Erfahrungen mit der Situation in unseren Herkunftsländern zu verbinden. Dieser Bezug zur Gegenwart kam meines Erachtens nach jedoch viel zu kurz. Anstelle der vielen oft etwas trockenen Vorträge, die wir im Laufe der Summer School gehört haben, hätten ich und viele andere sich mehr Zeit gewünscht, sich über den Umgang mit Multikulturalität in Polen, Israel, der Ukraine und Deutschland auszutauschen. Zwar fanden unter den TeilnehmerInnen der Summer School im privaten Kreis immer wieder interessante Gespräche über dieses Thema statt, im Programm nahm es aber keinen großen Stellenwert ein. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Vernachlässigung ukrainischer Themen. Es gab gerade mal einen Vortrag zur multikulturellen Vergangenheit der Ukraine. Angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahr erstmals ukrainische Studierende zur Summer School eingeladen waren, hätte ich erwartet, dass man deren Perspektive mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Alles in Allem war POLIN Meeting Point 2017 für mich eine tolle Erfahrung. Ich habe viel gelernt und tolle Menschen kennengelernt. Trotz der oben genannten Kritikpunkte würde ich das Programm jederzeit weiterempfehlen. Mein abschließender Dank gilt den Organisatoren, die die Summer School ermöglicht und uns so wunderbar betreut haben.