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Amerika zwischen Sklaverei und Demokratie - Hannah Spahn untersucht afroamerikanische Literatur im 19. Jahrhundert

Hannah Spahn. Foto: Thomas Roese.

Hannah Spahn. Foto: Thomas Roese.

Ein Reiterstandbild entzweite im Sommer 2017 die USA. Es steht in Charlottesville im Bundesstaat Virginia und zeigt General Robert E. Lee, der im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) das Heer der Südstaaten anführte. Im Konflikt des konservativen Südens mit dem liberaleren Norden über die Abschaffung der Sklaverei gewann Lee zahlreiche Schlachten. Für viele gilt er noch heute als Kriegsheld. Als die Stadtverwaltung von Charlottesville die Entfernung des Denkmals beschloss, demonstrierten mehrere Tausend Rechtsradikale, unter ihnen Mitglieder des Ku-Klux-Klans und der Alt-Right-Bewegung – begleitet von heftigen Ausschreitungen – gegen die Entscheidung. 

Die historischen Ursprünge dieses brisanten Konflikts hat die Amerikanistin Dr. Hannah Spahn erforscht. Sie führen zu einem jahrhundertealten Zwiespalt in der amerikanischen Geschichte. In Charlottesville hatte Thomas Jefferson, Gründungsvater der Vereinigten Staaten, 1819 die University of Virginia ins Leben gerufen. Jefferson war der dritte Präsident des Landes und hat die   Unabhängigkeitserklärung maßgeblich mit verfasst. „All men are created equal“, formulierte er darin. „Jefferson verkörpert einen zentralen Widerspruch der Aufklärung“, sagt Spahn. „Als Philosoph und Staatsmann stand er zwischen Sklaverei und Freiheit.“ Jefferson sprach sich zwar gegen die Sklaverei aus, war aber einer der größten Sklavenhalter seines Heimatstaates Virginia. Über 200 Sklaven haben zeitgleich für ihn gearbeitet. 

In ihrer Doktorarbeit hat sich die Amerikanistin mit dieser ebenso bedeutenden wie zwiespältigen Figur der amerikanischen Geschichte befasst. Schon seit ihrem Collegeaufenthalt ist sie von den USA fasziniert. „Die moderne Demokratie ist hier entstanden. Die amerikanische Kultur kann man in vielem als eine Vorreiterkultur der Moderne betrachten – und das gilt auch und gerade für die afroamerikanische Kultur.“ 

Afroamerikanische Schriftsteller sahen in Europa ein positives Gegenbild zu den USA 

Der Kontrast zur Sklaverei, an der Teile der amerikanischen Bevölkerung lange Zeit eisern festhielten, könnte nicht größer sein. In ihrem Habilitationsprojekt „Cosmopolitanism and Character in Nineteenth-Century African American Literature“ untersucht Spahn die afroamerikanische Literatur im „langen“ 19. Jahrhundert – von der Unabhängigkeitserklärung 1776 bis zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917. „Etliche der Autoren haben den Gegensatz von Sklaverei und Freiheit am eigenen Leib erfahren“, sagt die Amerikanistin. Zu den Schriftstellern, deren Werk sie untersucht, zählen so schillernde Persönlichkeiten wie Frederick Douglass, James McCune Smith, Eliza Potter, William Wells Brown, Frances Harper, Charles Chesnutt, Anna Julia Cooper, Booker T. Washington oder W. E. B. Du Bois. Viele von ihnen reisten damals nach Europa. 

Der New Yorker James McCune Smith (1813–1865) war in den 1830er Jahren für sein Medizinstudium ins schottische Glasgow gegangen. Obwohl New York die Sklaverei 1827 abgeschafft hatte, blieb ihm das Studium in den USA verwehrt. An der University of Glasgow erhielt er als erster Afroamerikaner einen Abschluss unter anderem in Medizin. McCune Smith war nicht nur Arzt und Apotheker, sondern auch Autor zahlreicher philosophischer Essays. Von Schottland zeichnete er in seinen Schriften ein positives Bild. Eliza Potter (1820–1893), ebenfalls in New York geboren, reiste als Angestellte einer weißen Familie nach Frankreich, wo sie sich zur Friseurin ausbilden ließ. „In ihrer Autobiografie zeigt sie sich als unabhängige, selbstbewusste Frau – und als Verfechterin der europäischen Kultur“, stellt Spahn fest. „Sie adaptierte den Pariser Chic. Ihre Kunden waren wohlhabende Mitglieder der amerikanischen Oberschicht, über deren Provinzialität sie in ihren Memoiren das ein oder andere spöttische Urteil fällt.“

W. E. B. Du Bois (1868–1963) zog es gleichfalls nach Europa. Er besuchte Vorlesungen an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Später promovierte er als erster Afroamerikaner an der Harvard University, mit einer Doktorarbeit über den transatlantischen Sklavenhandel. Auch sein Bild von Europa fiel damals überwiegend positiv aus. „Europa war für viele Afroamerikaner die positive Gegenfolie zu den USA“, erklärt Spahn. Beflügelt von diesem „European Dream“ zeigten sich viele Autoren sogar begeistert von der englischen Aristokratie. Das Vereinigte Königreich hatte eine Vorreiterrolle im Kampf gegen die Sklaverei eingenommen und die Sklaverei 1833 offiziell verboten. 

Die Autoren setzten sich mit dem Erbe der Aufklärung auseinander

In den USA waren die Gesetze für Afroamerikaner im 19. Jahrhundert von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. So war es Schwarzen im Süden der USA größtenteils verboten, die Schule zu besuchen, zu studieren, zu wählen oder eigene Texte zu veröffentlichen. Im Norden sah es vielerorts schon anders aus. Hier konnte sich eine bürgerliche Kultur von und für Afroamerikaner entwickeln. In New York beispielsweise hatten sich viele geflohene Sklaven angesiedelt. Wenn auch klein, so gab es doch eine afroamerikanische Mittelschicht, mit eigenen Schulen, Lesezirkeln und Salons. Zeitschriften entstanden, in denen Autoren wie McCune Smith publizierten. „Seine Rezension von ‚Moby Dick‘ war eine der ersten, die die philosophische Tragweite des Romans aufzeigten“, erklärt Spahn. 

Die Lebenswege der Autoren, die die Literaturwissenschaftlerin untersucht, offenbaren ein ganz eigenes Konzept des Kosmopolitismus, des Weltbürgertums, welches das Denken der Aufklärung prägte. Afroamerikanische Intellektuelle wie McCune Smith befassten sich mit den Langzeitwirkungen insbesondere der schottischen Aufklärung und entwarfen ein kosmopolitisches Dreieck zwischen Amerika, Europa und Afrika. „Viele afroamerikanische Autoren bewiesen ein besonderes Gespür für das komplexe Erbe der Aufklärung, das einerseits durch weltbürgerliche Vorstellungen und andererseits ein ambivalentes Verhältnis zur Sklaverei gekennzeichnet war.“

Dabei ging es auch um afroamerikanische Identität, oder – im damaligen Wortlaut – um „character“. „Der Begriff character hatte aus Sicht vieler Afroamerikaner ein emanzipatorisches Potenzial“, so die Amerikanistin. „Er verwies zum Teil auf aufklärerische Positionen.“ „Identität“ besaß dagegen im 19. Jahrhundert oft einen negativen Beigeschmack, brachte doch zum Beispiel für geflohene Sklaven das Bekanntwerden ihrer Identität schwerwiegende rechtliche Probleme mit sich. Dagegen konnte „Charakter“ für eine Entwicklung vom Objektstatus des Sklaven hin zum bürgerlichen Subjekt stehen. Wie im Fall von Toussaint Louverture (1743–1803), der zum politischen „character“ der afroamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts schlechthin avancierte: Der Sohn einer Sklavenfamilie stieg zum Anführer der Haitianischen Revolution auf, in deren Folge der erste unabhängige Staat in der Karibik gegründet wurde. Solche Konzeptionen von Charakter in Politik, Philosophie und Literatur untersucht Spahn in ihrer Arbeit. 

Afroamerikanische Literatur ist ein kontrovers diskutiertes Feld

Was afroamerikanische Literatur überhaupt ist, darüber streitet die Forschung allerdings. Geht es um Themen, um Genres oder um die ethnische Zugehörigkeit der Autorinnen und Autoren? Die Schwierigkeit solcher Einordnungen wird bei Autoren wie Charles W. Chesnutt (1858–1932) deutlich. „Chesnutt sah aus wie ein ‚weißer‘ Amerikaner mit Schnurrbart“, erläutert Spahn. Doch in den USA gab es die sogenannte one-drop-rule: „Ein Tropfen schwarzes Blut“ beziehungsweise ein Vorfahre afrikanischer Abstammung definierte eine Person als „schwarz“. An diese Konstruktion schließt das Genre der passing novel an, das Chesnutt in Werken wie „The House Behind the Cedars“ perfektionierte: Ein afroamerikanischer Charakter geht gewissermaßen als „weiß“ durch und stellt damit eine Konstruktion von „Rasse“ infrage, die von der passing novel teilweise aber auch vorausgesetzt wird. 

Manche Forscher behaupten, dass es seit der rechtlichen Gleichstellung von Afroamerikanern in den 1960er Jahren keine afroamerikanische Literatur mehr geben könne. Eine These, der Hannah Spahn widerspricht. Mit der juristischen Gleichheit gehe nicht zwingend die gesellschaftliche Gleichbehandlung einher: Dass diese bis heute nicht erreicht ist, zeige schon allein der überproportional hohe Anteil von Afroamerikanern in Gefängnissen. Abgesehen davon sei nicht klar, warum im Gegensatz zu anderen Literaturen die Frage mangelnder Gleichstellung überhaupt zum notwendigen Kriterium für eine afroamerikanische Literatur erhoben werde.

Einigkeit besteht selbst über das „klassische“ Genre der afroamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts nicht, die slave narrative bzw. die Autobiografie entflohener Sklaven. Olaudah Equiano (1745–1797) verfasste 1789 einen aufsehenerregenden Text dieser Art, die „Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano“, die Erzählung seines persönlichen Weges in die Freiheit. Das Genre fand später sogar Nachahmer unter weißen Amerikanern, die sich als ehemalige Sklaven ausgaben. Das bis heute anhaltende Interesse an dieser Textsorte zeigte zuletzt die oscarprämierte Verfilmung der Memoiren des Solomon Northup (1808–1863) mit dem Titel „Twelve Years a Slave“ – ein autobiografischer Text, der in weiten Teilen allerdings gerade umgekehrt die Versklavung eines freien Afroamerikaners aus dem Norden beschrieb.

Aufzuzeigen, wie vielfältig die Formen und Themen afroamerikanischer Literatur sind, ist Spahn ein Anliegen. Während die einen für eine gewaltlose Abschaffung waren, kämpften andere für ein sofortiges Ende der Sklaverei, wenn nötig mit Gewalt. Genauso kontrovers diskutierten Zeitgenossen die Frage, ob Sklavenhalter nach der Entlassung der Sklaven eine Entschädigung erhalten sollten. Solche Diskussionen endeten erst 1865 mit dem 13. Verfassungszusatz, der die Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der USA verbot. 

Doch die Ungleichbehandlung war damit nicht vom Tisch: Bis in die 1950er Jahre des folgenden Jahrhunderts trennten die Rassengesetze die amerikanische Bevölkerung. Und der aktuelle Statuenstreit zeigt, dass die Unterdrückung bis heute andauert.

Die Wissenschaftlerin

Dr. Hannah Spahn studierte Amerikanistik, Geschichte, Französische und Deutsche Literatur und promovierte an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 ist sie am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Potsdam tätig.

hspahn@uni-potsdam.nomorespam.de

Das Projekt

In ihrer Habilitation untersucht die Amerikanistin Hannah Spahn die geistesgeschichtliche Entwicklung des Begriffs „character“ in der afroamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihr Forschungsprojekt „Cosmopolitanism and Character in Nineteenth-Century African American Literature“ wird seit 2017 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

www.uni-potsdam.de/de/iaa-amlc/associated-scholars/spahn.html

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de