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Studie zur Entwicklung der Lesefähigkeit von Grundschülern

Zurück zu Studien mit Kindern

Foto: Dep. Psychologie
Bild anklicken: links - Satz lesen; rechts - Bildentscheidungsaufgabe

Versuchsablauf 

Den Kindern werden jeweils Sätze auf Erstklässlerniveau sowie altersgerechte Sätze präsentiert, die sie still lesen. In unregelmäßigen Abständen werden danach zwei Bilder präsentiert, von denen das Kind dasjenige auswählen muss, welches inhaltlich zum zuvor gelesenen Satz passt. Diese Kontrolle dient der Aufrechterhaltung der Konzentration beim Lesen der Sätze.

Während des Lesens werden die Bewegungen der Augen mit dem Eyelink 1000 System aufgezeichnet. Anhand dieser Aufzeichnungen können die Blickbewegungsdaten so ausgewertet werden, dass genau nachvollzogen werden kann, welche Augenbewegungen die Kinder vollziehen und wie sich diese im Laufe ihrer Leseentwicklung verändern.

Foto: Dep. Psychologie
Bild anklicken: links - Satz lesen; rechts - Bildentscheidungsaufgabe
Foto: Dep. Psychologie
Abbildung der Blickposition (Moving-Window)

 

Leseexperiment MW (Moving-Window-Technik)

Da wir auf die Millisekunde genau wissen, welchen Teil des Satzes das Kind gerade liest, können wir seinen „Lesefluss manipulieren“. Dazu wird um die Blickposition des Kindes ein „Fenster“ eingestellt. 

Das bedeutet, dass beispielsweise links und rechts von der Blickposition jeweils nur 10 Buchstaben zu sehen sind (linke Abbildung oben) oder bei anderen Sätzen sogar jeweils nur 3 Buchstaben links und rechts (linke Abbildung unten). 

Foto: Dep. Psychologie
Abbildung der Blickposition (Moving-Window)
Foto: Dep. Psychologie
Ergebnisgrafik zur Leserate

Ergebnisse

Je weniger Buchstaben zur Verfügung stehen, desto geringer ist der Lesefluss. Während es für Erstklässler egal ist, wie groß das Fenster ist (da sie Buchstabe für Buchstabe lesen), sind Zweit- und vor allem Drittklässler durch ein kleines Fenster stark eingeschränkt in ihrer Leseflüssigkeit. Die Fenstergröße, bei der die Kinder ihren „normalen“ Lesefluss beibehalten können, entspricht ihrer perzeptuellen Spanne, also der Menge an Information, die mit einem Blick verarbeitet werden kann. Bei Erwachsenen sind das ca. 14-15 Buchstaben zur rechten Seite.

Interessant ist außerdem das Ergebnis, dass sich die Leseleistungen der Kinder mit steigendem Alter immer mehr voneinander unterscheiden. Die Promovendin Anja Sperlich, welche für den ersten und zweiten Messzeitpunkt wissenschaftlich mitverantwortlich war, führt dies darauf zurück, dass „der vorschulische Kontakt mit Büchern […] das Interesse am Lesen [fördert], was sich scheinbar über die Lesehäufigkeit immer stärker auf die Leseleistung auswirkt.“

In die Datenanalyse wurden Leserate, vorwärts Sakkadenlänge, Refixationswahrscheinlichkeit, Erstfixationsdauer, Blickdauer und Gesamtlesezeit aufgenommen.

Am Beispiel der Leserate (gelesene Wörter pro Minute) kann man erkennen, dass sich das Lesen im Laufe der Entwicklung beschleunigt. Abgetragen sind in dieser Grafik die gelesenen Wörter pro Minute in Abhängigkeit von der Fenstergröße, also der Anzahl der lesbaren Buchstaben. Ablesen kann man zum einen, dass Drittklässler im Durchschnitt wesentlich mehr Wörter pro Minute lesen als Erstklässler. Zum anderen ist der Vorteil, den vor allem Drittklässler aus einer Vorverarbeitung ziehen, deutlich erkennbar. Je größer die Fenstergröße, desto schneller das Lesen, zumindest bis, ab einer gewissen Vorschau, weitere lesbare Buchstaben keinen Unterschied in der Lesegeschwindigkeit mehr hervorbringen.

Foto: Dep. Psychologie
Ergebnisgrafik zur Leserate
Foto: Dep. Psychologie

Johannes Meixner & Anja Sperlich

Wie lange dauert die Entschlüsslung eines Wortes für einen Erstklässler verglichen mit einem Drittklässler? Was führt dazu, dass manche Kinder gute Leser werden und andere nicht – ist es das Schulumfeld, Unterschiede in der Gedächtnisleistung, Lesehäufigkeit oder Motivation? Wie hängen Wort-, Satz- und Textverständnis mit der Leseflüssigkeit zusammen? Das Lesen ist eines der zentralen Fertigkeiten, die Kinder im Rahmen Ihrer Schulbildung erlernen. Im Rahmen der DFG-geförderten PIER Studie und unter der Leitung von Dr. Laubrock begleiten die Doktoranden Anja Sperlich und Johannes Meixner Schulkinder von der ersten bis zur sechsten Klasse in ihrer Leseentwicklung. Im Eyelab messen sie präzise wie lange die Entschlüsslung eines Wortes in Anspruch nimmt, wie häufig bestimmte Satzabschnitte nochmal  gelesen werden müssen oder gar übersprungen werden und wieviel Information Kinder auf einen Blick beim Lesen verarbeiten können – die sogenannte Perzeptuelle Spanne, die im Fokus ihrer Forschung liegt. Durch die jahrelange Begleitung der Kinder und die umfassenden Nebendaten der PIER-Studie über Gedächtnis, Motivation, Emotion und andere kognitive Kompetenzen können Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung des Lesens erfasst werden. So wissen wir bereits, dass das automatische Wortlesen enorm zur Reifung der perzeptuellen Spanne (der Information, die auf einen Blick erfasst werden kann) in der 2. und 3. Klasse beiträgt. Einen ersten Überblick über die Leseeffizienz der Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse bietet der Artikel von Sperlich, Schad & Laubrock, 2015.

Foto: Dep. Psychologie