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Prof. Dr. Hans Julius Schneider

Photo: David C. Schneider

Prof. Dr. Hans Julius Schneider ist emeritierter Professor des Instituts für Philosophie.

E-Mail: Hans.Schneider@uni-potsdam.nomorespam.de

Forschungsinteressen

Erkenntnistheorie wird auf dieser Professur methodisch als Reflexion über die sprachliche Formulierung von Sätzen mit Erkenntnisanspruch verstanden. Auf der Basis bereits erarbeiteter sprachphilosophischer Ergebnisse, deren wichtigstes die Feststellung einer nicht begründet reduzierbaren Vielfalt und Reichhaltigkeit erkenntnistheoretisch relevanter 'Sprachspiele' (Wittgenstein) ist (in einer Lesart allerdings, die keinen Relativismus bedeutet), sollen in den nächsten Jahren verschiedene auf den Bereich der Geisteswissenschaften bezogene Anschlussfragen behandelt werden, deren gemeinsamer Nenner das Problem der 'Grenze' und der 'Grenzüberschreitung' ist:

(a) Die Grenze zwischen Lebenswelt und Wissenschaft:

Wie verhalten sich alltagssprachliche Formulierungen von lebensweltlichen Erfahrungen zu Formulierungen von wissenschaftlich begründeten oder 'erzeugten' Erfahrungen? Wo ist ein Übergang vom einen zum anderen möglich, wo ist er (aus welchen Gründen) nicht möglich; wie steht es hier z.B. mit ästhetischer und religiöser Erfahrung und dem Erkenntnisanspruch der sie artikulierenden Aussagen? In welcher Hinsicht, unter welchen Bedingungen, bedeutet der Schritt in die Wissenschaft (wo er möglich ist) einen Gewinn, wo bedeutet er einen Verlust? (Beispiel: 'Alltagstheorien' vs. wissenschaftliche Theorien und Erklärungen in der Psychologie; was heißt es im einen, was im anderen Bereich, sich auf Seelisches zu beziehen?)

(b) Die Grenze zwischen Wissenschaften, zwischen Sprachspielen, zwischen Lebensformen:

Ist es legitim, von 'Weisen der Welterzeugung' (Goodman) zu sprechen; wie verhalten sich so erzeugte 'Welten' zueinander, was verbindet sie, was macht sie (bei 'gleichem Gegenstandsbereich') zu verschiedenen Versionen von einer Sache? Wie kann es eine interdisziplinäre Verständigung bei einer Inkommensurabilität von Aussagen von Teildisziplinen geben, z.B. im Fall der naturwissenschaftlich orientierten Medizin einerseits und der Psychologie/Psychotherapie/Seelsorge andererseits? Brauchen wir dazu einen allgemeinen Rationalitätsbegriff; wie steht es mit dem Relativismus; wie ist eine Verständigung zwischen Lebensformen, zwischen konkurrierenden 'Denkweisen' möglich, zwischen religiösen Weltsichten als Welterzeugungen; wie geschieht interkulturelle Kommunikation?

(c) Die Grenze zwischen verschiedenen 'Medien':

Wie verhalten sich verbal-sprachliche Formulierungen zu Äußerungen in anderen Medien oder Symbolsystemen? Ist es z.B. legitim, mit Goodman von 'Sprachen der Kunst' zu sprechen; wo ist diese Annäherung plausibel, wo führt sie in die Irre? Unter welchen Bedingungen lässt sich von identischen Inhalten sprechen, die mit verschiedenen Medien ausgedrückt werden (Übersetzung), unter welchen nicht ('Übertragung')? Wie lässt sich mit Bezug auf einzelne Medien etwas über die 'Grenzen des (jeweils) Sagbaren' feststellen und artikulieren?

(d) Die Grenze zwischen Sprache und Vorsprachlichem:

Es wird im Sinne des 'linguistic turn' vorausgesetzt, dass eine tragfähige Sprachphilosophie/Erkenntnistheorie vermeiden muss, in einen die sprachlichen Leistungen nur verdoppelnden Psychologismus zurückzufallen. Gleichwohl kann gerade ein am Begriff des Sprachspiels orientierter Ansatz etwas über den Zusammenhang zwischen den verbalen und den nichtverbalen Teilen des Sprechens sagen, und damit über das 'Zur-Sprache-Kommen'. Hier ist u.a. zu fragen: Welche Rolle spielt der Leib und das praktische Können ('to know how') für die Sprache(n)? (Vgl. Dreyfus über die Leiblosigkeit der Computer.) Wie lässt sich Wissen (Erkenntnis) als Spezialfall des Könnens verstehen? Wie fügt sich die Sprachkompetenz in den Kontext anderer Kompetenzen?

Erläuterungen mit Bezug auf Lehraufgaben

Zu (a): Grenze Lebenswelt-Wissenschaft: Hier erfüllt eine interdisziplinär ausgerichtete Erkenntnistheorie die Aufgabe, den Prozess der 'Disziplinierung', dem sich die Studenten beliebiger Fächer mit dem Entschluss zu einem wissenschaftlichen Studium unterworfen haben, zu reflektieren, so dass er bewusst vollzogen und in seinen Vor- und Nachteilen beurteilt werden kann. Die damit zu erreichende Rückbindung des wissenschaftlichen Spezialwissens an die lebensweltliche Erfahrung ist wissenschaftsintern notwendig, um Grundlagenkrisen durchzustehen und um mit Nachbarfächern interdisziplinär zusammenarbeiten zu können. Diese Rückbindung ist aber auch politisch-gesellschaftlich notwendig, damit das mit großen öffentlichen Kosten erzeugte Spezialwissen der Öffentlichkeit vermittelbar bleibt, so dass Wissenschaft und Technik involvierende oder betreffende Grundentscheidungen (Energiesektor; Biotechnologie) rational getroffen werden können.

Zu (b): Grenzen zwischen Wissenschaften, Sprachspielen und Lebensformen: Hierher gehören als fachphilosophisch geltende Probleme, die einerseits sehr spezialisiert sind (z.B.: in welchem Sinne haben Teile der Alchemie 'denselben Gegenstand' wie die moderne Chemie?), andererseits aber auch sehr umfassend (z.B. Möglichkeiten interkultureller Kommunikation). Daneben gibt es aber eine mittleren Ebene, auf der, vorzugsweise im Team-Teaching, konkrete Probleme der Zusammenarbeit verschiedener Fächer erörtert werden, z.B. Medizin und Psychologie; die 'Seele' der Psychologie und die der Seelsorge; das Leib-Seele-Problem; können Computer Sprache verstehen; etc. Angebote aus den Bereichen (a) und (b) können gegebenenfalls so gestaltet werden, dass sie als Teile der Lehrerausbildung im neuen Fach 'L-E-R' fungieren.

Zu (c): Grenze zwischen verschiedenen Medien: Hier kann die Erkenntnistheorie mit den Kulturwissenschaften zusammenarbeiten, um einerseits Grundlagenprobleme zu erörtern und andererseits die Möglichkeit zu verbessern, Arbeiten aus verschiedenen kulturellen Bereichen (Wissenschaft, Kunst, Religion) aufeinander zu beziehen und damit einer weiteren Aufsplitterung der 'zwei Kulturen' entgegenzuarbeiten. Die hier (ebenfalls im Team-Teaching) anzubietenden Lehrveranstaltungen sollten in den neuen Studiengang 'Medienwissenschaft' Eingang finden.

Zu (d): Grenze zwischen Sprache und Vorsprachlichem: Hier können neben Veranstaltungen zur philosophischen Anthropologie spezielle Seminare mit Psychologen und Spezialisten im Feld 'Künstliche Intelligenz' durchgeführt werden.

Veröffentlichungen

Eine umfassende Bibliografie der Schriften bis 2010 findet sich in: Stefan Tolksdorf, Holm Tetens (Hrsg.), In Sprachspiele verstrickt, oder: Wie man der Fliege den Ausweg zeigt. Berlin (De Gruyter) 2010, S. 561-570

Wichtigste Buchveröffentlichungen:

Religion. Berlin (de Gruyter) 2008 (Reihe ‚Grundthemen Philosophie’)

Phantasie und Kalkül, Über die Polarität von Handlung und Struktur in der Sprache; Frankfurt (Suhrkamp) 1992¬; Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft (Nr. 1431) 1999.

Pragmatik als Basis von Semantik und Syntax, Frankfurt (Suhrkamp) 1975

Aufsätze ab 2010:

Sprachliche Kreativität und ontologische Verpflichtungen; in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.), Paul Lorenzen und die konstruktive Philosophie. Münster (mentis), 2016, 189-2

Empirische Metaphysik? Sprachphilosophische Anmerkungen zur Interpretation buddhistischer ‚Erleuchtungserfahrungen’. In: Almut-Barbara Renger (Hrsg.), Erleuchtung. Kultur- und Religionsgeschichte eines Begriffs, Freiburg (Herder), 2016, 159-176

Religiöse und nicht-religiöse Sprachspiele - Grenzen und Grenzüberschreitungen, in: Rico Gutschmidt, Thomas Rentsch (Hrsg.), Gott ohne Theismus? Neue Positionen zu einer zeitlosen Frage, Münster (mentis) 2016, 149-164

Über den Erkenntnisanspruch religiöser Erfahrungen. In: Frank Vogelsang, Johannes von Lüpke (Hrsg.), Wie geht Glauben? Diskussion um einen theologischen Zentralbegriff, Bonn (Evangelische Akademie im Rheinland) 2015, S. 9-28.

Helmuth Plessners ‚Unergründlichkeit der menschlichen Natur’ und die Rede von der ‚Transzendenz’. In: Olivia Mitscherlich-Schönherr, Matthias Schloßberger (Hrsg.), Die Unergründlichkeit der menschlichen Natur. Berlin (de Gruyter) 2015, S. 219-235. (Internationales Jahrbuch für philosophische Anthropologie, Bd. 5)

Was ist das Spielerische am Sprachspiel? Wittgenstein-Studien 6/2015, 19-37

Der Zustand der Welt – ein Skandal? In: Gregor Betz, Dirk Koppelberg, David Löwenstein, Anna Wehofsits (Hrsg.), Weiter denken – über Philosophie, Wissenschaft und Religion. Berlin (de Gruyter) 2015, 213-225.

Szenen, Bilder und Worte: Wittgenstein und die Möglichkeit einer ‚visuellen Ethik’, in: Constanze Demuth, Nele Schneidereit (Hrsg.), Interexistentialität und Unverfügbarkeit. Leben in einer menschlichen Welt. Freiburg (Alber) 2014, 227-246.

Artikulationen, Propositionen und die Frage nach der Metaphysik. In: Ingolf U. Dalferth, Andreas Hunziker (Hrsg.), Gott denken – ohne Metaphysik? Zu einer aktuellen Kontroverse in Theologie und Philosophie. Tübingen (Mohr Siebeck) 2014, S. 41-61.

Was heißt ‚religiöse Erfahrung’? In: Sebastian Rödl, Henning Tegtmeyer (Hrsg.), Sinnkritisches Philosophieren, Berlin/Boston (De Gruyter) 2013, S. 51-60.

Namen, die „nicht vertreten“. Wittgenstein über Zahlen, Begriffe und ‚Gegenstände der Psychologie‘. In: Josef G. F. Rothhaupt, Wilhelm Vossenkuhl (Hrsg.), Kulturen und Werte. Wittgensteins Kringel-Buch als Initialtext, Berlin (De Gruyter) 2013, S. 203-222.

‚Nur erscheint dadurch der Unterschied der Bedeutungen zu gering.’ Wittgensteins philosophischer Blick auf die Sprache. In: Pirmin Stekeler-Weithofer (Hrsg.), Wittgenstein: Zu Philosophie und Wissenschaft. Hamburg (Meiner) 2012, 170-189 (Deutsches Jahrbuch Philosophie Bd. 3)

Was ist eine Regel? In: Stephan Duschek, Michael Gaitanides, Wenzel Matiaske, Günther Ortmann (Hrsg.), Organisationen regeln. Die Wirkmacht kooperativer Akteure. Springer Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2012, S. 17-28.

Form und Freiheit. Ein genealogisches Paradigma des Handlungsverstehens jenseits von Intentionalismus und Behaviorismus: Ludwig Wittgenstein und Eugene Gendlin, in: Joachim Renn, Gerd Sebald, Jan Weyand (Hrsg.), Lebenswelt und Lebensform. Zum Verhältnis von Phänomenologie und Pragmatismus, Weilerswist (Velbrück) 2012, 44-62.

Spirituelle Praxis, religiöse Rede und intellektuelle Redlichkeit, in: Gerald Hartung, Magnus Schlette (Hrsg.), Religiosität und intellektuelle Redlichkeit, Tübingen (Mohr Siebeck) 2012, S. 329-342.

Können, Wissen, Zuschreibung. Begriffliche Vorschläge im Ausgang von Wittgenstein. In: Implizites Wissen. Epistemologische und handlungstheoretische Perspektiven, hrsg. Von Jens Loenhoff, Weilerswist (Velbrück) 2012, S. 67-90.

Die Sprachphilosophie Paul Lorenzens. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.) Zur Philosophie Paul Lorenzens, Münster (Mentis) 2012, S. 63-84.

Wahrheit oder Angemessenheit? Zum Problem der Begründung religiöser Überzeugungen. In: Edmund Runggaldier, Benedikt Schick (Hrsg.), Letztbegründungen und Gott, Berlin (de Gruyter) 2011, 134-151. - Auch erschienen als: Unsagbarkeit, Ungegenständlichkeit und religiöse Erfahrung. Ludwig Wittgensteins Überwindung des Notationsparadigmas der sprachlichen Darstellung. In: C. F. Gethmann (Hrsg.), Lebenswelt und Wissenschaft. Kolloquiumsbeiträge und öffentliche Vorträge des XXI. Deutschen Kongresses für Philosophie (Essen 15.- 19. Sept. 2008), Hamburg (Meiner) 2011 (Deutsches Jahrbuch Philosophie, Bd. 2), S. 395-409

Die Kreativität der Metapher. In: Matthias Junge (Hrsg.), Metaphern in Wissenskulturen, Wiesbaden (VS Verlag für Sozialwissenschaften) 2010,  171-186. Nachdruck in: Sophia Panteliadou / Elisabeth Schäfer (Hg.), Gedanken im freien Fall. Vom Wandel der Metapher. Wien (Sonderzahl) 2011, 44-63

„Sätze können nichts Höheres ausdrücken.“ Das ‚Ethische’ und die Grenzen der Sprache beim frühen Wittgenstein. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 58 (2010) 55-70

Arbeit oder Leerlauf? Die bleibende Aktualität der Sprachphilosophie, Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 35 (2010) Heft 3, 303-314

Select publications in English

Book:

Wittgenstein’s Later Theory of Meaning: Imagination and Calculation. With a Foreword by Charles Taylor. Wiley-Blackwell 2014

Papers:

Is Wittgenstein`s Later Philosophy Therapeutic and Does this Mean that it is Antisystematic? (PDF, 212kB)In Filozofija (Skopje, Mazedonien) 12, N. 34 (2013) 43-59.

Scenes, Pictures, and Words: Wittgenstein and a ,Visual Ethics`. In: Ronja Tripp, Karsten Schoellner (Hrsg.), Picturing Life. Wittgenstein`s Visual Ethics. Würzburg (Königshausen und Neumann) 2016, 169-182.

Knowledge Forms and Language Forms, in: Günter Abel, James Conant (eds.), Rethinking Epistemology, Vol. 1, Berlin (De Gruyter) 2012, 133-153 (Berlin Studies in Knowledge Research 1)

Wittgenstein’s Conception of Ethics. Absolute Value and the Ineffable. Wittgenstein Studien 02/2011, 1-19

William James and Ludwig Wittgenstein: A Philosophical Approach to Spirituality; in: J. Moore, C. Purton (eds.), Spirituality and Counselling: Experiential and Theoretical Perspectives, Ross-on-Wye (PCCS Books), 2006, 50-64

Metaphor and the Limits of Language; in: Marta Helena de Freitas, Nuno Venturinha (eds.), A Expressao do Indizivel: Estudos sobre Filosofia e Psicologia, Brasilia D.F. 2005, 269-292; also in: George Allan, Merle F. Allshouse (eds.), Nature, Truth and Value: Exploring the Thinking of Frederick Ferré. Lanham (Lexington Books) 2005, 127-142

Photo: David C. Schneider