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Mein Auslandssemester in Jyväskylä

Ich wollte schon immer für eine längere Zeit ins Ausland gehen. Während der Schulzeit hatte ich leider keine andere Wahl als in Deutschland zu bleiben - in der Uni dann wollte ich mir das nicht nehmen lassen. Vorletztes Jahr hatte ich mich für einen Studienplatz in Spanien beworben und habe diesen auch bekommen, nur konnte ich ihn nicht annehmen, da Familiäres dazwischen kam. Nichtsdestotrotz habe ich es ein Jahr später nochmal versucht. Diesmal habe ich mir die Liste der Partneruniversitäten genauer angeschaut. Ich war tatsächlich schon so oft in Spanien gewesen! Andere Gedanken kamen mir in den Sinn, die mir das Interesse an etwas völlig Neues geweckt haben - Finnland.


Aufenthaltsdauer: Semester 2015/16

Gastuniversität: University of Jyväskylä

Gastland: Finnland

Warum denn nach Finnland, wenn du Englisch und Spanisch studierst?", sagten sie. "Da wohnt doch kaum jemand und was willst du mit der Sprache, wenn sie sonst keiner auf der Welt spricht?", meinten sie. "Dunkelheit. Mücken. Kälte. Introvertierte Menschen", behaupteten sie. Geht es aber beim Erasmus-Programm in erster Linie darum, seine Sprachkenntnisse verbessern zu wollen, den gesellschaftlichen Normen gerecht zu werden und den Aufenthalt als Urlaub in praller Sonne am Meer zu genießen? Für einige mag das genau der Fall sein, für mich aber geht es um etwas anderes. Ich sehe in diesem Programm die Chance, mal etwas anderes auszuprobieren, etwas Neues zu entdecken, aus seiner eigenen Komfortzone herauszutreten und etwas ganz alleine zu unternehmen, auf eigenen Beinen zu stehen. Zudem wohne ich in Berlin, wo ständig etwas los ist, wo zu viele Menschen viel zu hektisch durch die Straßen rennen und wo es somit schwierig ist, mal runterzukommen.

Ironischerweise wollte ich anfangs von einer Großstadt in die andere - Helsinki. Ich hatte Angst, mich für einen anderen Ort als erste Wahl zu entscheiden, da Helsinki die einzige finnische Stadt war, von der ich etwas wusste! Bei der Zweit- und Drittwahl habe ich Lotto gespielt und spontan zwei Orte ausgesucht, die allein vom Namen her interessant klangen. Letztendlich bekam ich einen Platz in Jyväskylä, die wohl größte Stadt in Zentralfinnland mit rund 170.000 Einwohnern. Ich war glücklich und panisch zugleich - zum einen, weil ich diesmal wirklich die Chance ergreifen konnte und zum anderen, weil mir klar wurde, fünf Monate ohne Familie und Freunde zu verbringen. Zudem habe ich es mir viel schwieriger vorgestellt, eine Unterkunft zu suchen, mich an der Universität anzumelden und passende Kurse für mein Studium zu finden; diese Ängste haben sich aber schnell als unnötig herausgestellt.

Kurz nach der Bestätigung meines Auslandsaufenthaltes habe ich eine ausführliche und durchaus verständliche Mail von der Universität Jyväskylä - Jyväskylän Yliopisto - bekommen, in welcher Schritt für Schritt erklärt wurde, wie ich mich an der Uni als Austauschstudentin anmelde, wie ich mich um einen Studentenwohnheimsplatz bewerbe und welche Angebote ich noch nutzen kann, wie zum Beispiel die Student Union oder ESN. Die Anmeldung verlief ohne weitere Probleme und bei der Unterkunft hatte ich zweierlei Möglichkeiten: Ich konnte entweder ab September im nördlichen Teil Kortepohja wohnen, oder ab August südlich in Roninmäki, die billigere Variante. Da ich mich auch für den intensiven Finnischkurs, der den ganzen August in Anspruch nahm, beworben hatte, entschied ich mich für Roninmäki. Im Juni habe ich für beides die Bestätigung bekommen.

Noch vor dem eigentlichen Abflugstermin bekam ich ein Begrüßungsschreiben von meiner Turtorin, Minna Rissanen. Sie stellte sich vor; erklärte, warum sie als Tutorin für Austauschstudenten da sein wollte und dass sie selber aufgrund ihres Erasmus-Aufenthalts ganz genau weiß, dass man sich schnell hilflos und vor allem allein gelassen fühlen kann. Sie hat sich sehr viel Mühe gegeben, uns zu helfen, uns alles Wichtige wie zum Beispiel die Unicampi und den KOAS-Sitz zu zeigen, und uns bezüglich der Kurswahl und anderen Veranstaltungen an der Uni und in der Stadt auf dem Laufenden zu halten. Aufgrund ihrer Arbeit neben dem Studium konnte Minna nicht immer anwesend sein, über Facebook oder Whatsapp war sie allerdings immer zu erreichen und man hat noch am selben Tag eine Antwort bekommen.

Die gute Erreichbarkeit von Ansprechpartnern an der Uni ist mir sofort positiv aufgefallen. Nicht nur unsere Tutorin, sondern auch das Studierendensekretariat, Professoren sowie Erasmus-Koordinatoren waren stets darum bemüht, schnell und ausführlich unseren Problemen entgegenzukommen. Unterlagen wurden sofort ausgehändigt, essentielle Unterschriften per Scan zugeschickt, wichtige Links der Mail angehangen und, im allerschlimmsten Fall, andere, für das Anliegen besser passende Ansprechpartner vorgeschlagen. Dementsprechend habe ich mich durchgehend gut aufgehoben und an die Hand genommen gefühlt. Auch während des Semesters wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass bei Fragen die Tutorin und andere Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Da ich eben schon Professoren erwähnt habe, würde ich an dieser Stelle gerne etwas genauer auf das Unisystem an sich eingehen. Ich hatte anfangs einige Bedenken darüber, wie wohl die Beziehung zwischen Studenten und Professoren in Finnland sein könnte. Zusammenfassend muss ich gestehen, dass meine Sorgen völlig unnötig waren, denn Lehrende sowie Studierende waren stets darum bemüht, eine angenehme (Lern-)Atmosphäre zu schaffen. Es wurde sich beim Vornamen angesprochen, Fragen wurden gerne beantwortet oder auch mit dem ganzen Kurs diskutiert, und auch E-Mails wurden sogleich ausführlich beantwortet. Was den Finnen ganz wichtig ist, ist das Feedback. Ich hatte drei Kurse, in denen ich nach meiner Präsentation am selben Tag noch ein schriftliches Feedback einschließlich der Note in Form einer Mail zugeschickt bekommen habe. Allerdings wird auch andersrum Wert darauf gelegt, dass Studenten sich frei über die Lehrmethoden oder gegebenenfalls auch über die Lehrperson äußern dürfen - natürlich in angemessener respektvoller Sprache.

In Hinblick auf die Kurse an sich ist mir sofort aufgefallen, dass die sie recht klein gehalten werden. Ich kann in diesem Fall nur von den Englischkursen sprechen, da ich sonst keine anderen belegt habe. Im Durchschnitt waren es mit mir nie mehr als 25 Personen, die meisten Kurse fielen um einiges kleiner aus, was die Lernatmosphäre positiv beeinflusste. Bezüglich des Leistungserwerbungsprozesses war ich sehr überrascht, dass ich keinerlei Klausuren am Ende des Semester hatte. Im Allgemeinen scheinen die Finnen nicht so viel Wert auf eine Klausurenphase zu legen, sondern eher auf Präsentationen oder schriftliche Abgaben zum Ende des Semesters hin. Zum Beispiel habe ich für den Shakespeare Kurs einen Aufsatz über das Thema Liebe in den Werken Othello und A Winter's Tale verfasst; im Linguistikkurs Exploring Grammar II hatte ich drei take home exams abgeben müssen; in zwei Didaktikkursen waren es jeweils eine Präsentation und eine schriftliche Reflexion über den Kurs und seinen Inhalt an sich.

Natürlich bestand mein Aufenthalt in Jyväskylä nicht nur aus Uni und Studium. Regelmäßig wurde von der ESN Organisation - Erasmus Student Network - diverse Partys oder Ausflüge veranstaltet und angeboten. Dafür musste man sich allerdings als Mitglied des ESN Vereins anmelden, sonst hätte man gewisse Angebote oder Vergünstigungen wie zum Beispiel in den Bars oder bei New Yorker gar nicht genießen dürfen. Neben Themenpartys in den Clubs werden unter anderem auch Reisen nach Russland oder Lappland oder Ausflüge zu Seen und finnischen Saunas veranstaltet. Das Angebot ist riesig! Natürlich gab es auch viele Hauspartys von Studenten privat veranstaltet. Ich wollte allerdings auf eigene Faust etwas unternehmen und unabhängig von der Organisation den Norden Finnlands erkunden. Nachdem ich mich im Internet über die Nationalparks hier im Lande erkundigt habe, wurde der Bärenpfad Karhunkierros im Oulanka Nationalpark an der russischen Grenze gepriesen. Als ich meinen finnischen Freunden davon erzählte, meinte auch fast jeder, er sei diesen Pfad oder die kleinere Bärenrunde Pieni karhunkierros bereits abgelaufen - es sei paradiesisch, einfach schön und "natürlich".

Daraufhin habe ich meinen Trip geplant. Da das Semester zweigeteilt war und es zwischendurch im Oktober eine einwöchige Ferienwoche gab, nutzte ich die Chance und bin in den Norden gefahren. Die Buslinie OnniBus eröffnete zufälligerweise gerade ihre neue Reiserute nach Rovaniemi, in die Stadt, von der man annimmt, die Heimat des Weihnachtsmannes Joulupukki zu sein. Von dort aus habe ich einen kleineren Bus in das Dorf Kuusamo genommen, wo ich dann via Couchsurfing freie Unterkunft bei einem Pärchen genießen durfte. Sie haben mich netterweise am nächsten Tag auch zum Anfang des Wanderpfades nach Hautajärvi gebracht. Während der vier Tage wandern und 80km Distanz habe ich die Nächte in freistehenden Hütten verbracht, in denen es einen Heizofen und Gasherde gab. Auf meinem Weg habe ich zahlreiche neue Leute kennengelernt, die meisten davon kamen tatsächlich auch aus Deutschland! Letztendlich möchte ich damit auch darauf hinweisen, dass es tatsächlich möglich ist, auf eigene Faust ein unglaublich spannendes - vielleicht auch günstigeres - Erlebnis zu haben. Nur zu empfehlen!

Wo ich gerade auf den finanziellen Aspekt zu sprechen komme, möchte ich bestätigen, dass alles in Finnland etwas teurer ist als in der Heimat. Es gibt hier zwar auch Lidl und Prisma, im Schnitt sind die Produkte allerdings teurer. Für Partygänger mit großem Durst kann dies einem sehr schnell einen Strich durch die Rechnung machen, da die Alkoholpreise mit Abstand den größten Unterschied darstellen. Zudem sollte man sich vorher überlegen, vielleicht einige Rezepte zu sammeln, um zu Hause zu kochen, da Essen gehen in Restaurants oder Imbissbuden durchaus eine kostspielige Angelegenheit ist, zum Beispiel 10€ für eine Pizza beim Italiener. Hier muss ich allerdings hinzufügen, dass das Mensaessen in der Uni mit 2,60€ Pluspunkte sammelt. Für diesen Preis darf man sich auftun wie viel man will, so viel Wasser trinken wie man will und die Brottheke für umsonst genießen.

Letztendlich möchte ich die wohl größte und wichtigste Erfahrung teilen, die ich während meines Erasmusaufenthaltes in Finnland machen durfte, beziehungsweise machen musste. Natürlich lernt man ständig neue Leute kennen, sei es aus anderen Ländern oder Einheimische und das ist auch toll, ich schätze das sehr. Ich selber sehe mich als extrovertierte Person, bin gerne von Menschen umgeben und bin offen für neue Bekanntschaften. Nichtsdestotrotz habe ich mich oft alleine gefühlt, denn schließlich war ich nur fünf Monate dort - zu kurz, um eine tiefgreifende Freundschaft aufzubauen. Es hat mich allerdings zu der Einsicht gebracht, welch tolle Beziehungen ich bereits in Berlin habe und dies habe ich in dieser Zeit noch mehr zu schätzen gelernt als zuvor. Den Halt und die vertraute Nähe, die vorher schon zwischenmenschlich aufgebaut wurde, bekam durch die große Entfernung ganz neue Charakterzüge. Ich bin stolz darauf, dass ich rückblickend das Beste aus meinem Aufenthalt gemacht und es in jederlei Hinsicht genossen habe, aber ich bin auch froh, wieder zu Hause zu sein.

Aufenthaltsdauer: Semester 2015/16

Gastuniversität: University of Jyväskylä

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