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Erfahrungsbericht über zwei Semester in Brasilien 2014

Ich berichte über meinen zweisemestrigen Auslandsaufenthalt im Jahre 2014 an der UFMG in Belo
Horizonte, Brasilien am Campus Pampulha, wo ich Ciência da Computação studierte. Außerdem gehe
ich auf meine darauf folgenden vier Monate Reisen in Brasilien ein.


Studienfach: IT-Systems Engineering in Potsdam

Aufenthaltsdauer: 01/2014 - 04/2015

Gastuniversität: Universidade Federal de Minas Gerais (Belo Horizonte)

Gastland: Brasilien

Auf die Idee nach Brasilien zu gehen kam ich schon vor vielen Jahren, die Zeit war jedoch für mich reif nach dem ersten Master-Semester. Ich habe etwa ein Jahr vor Abreise über die Webseite der Uni Potsdam die Partenruniversitäten entdeckt und online recherchiert, was es für Lehrveranstaltungen und Fachgebiete es gibt und woran diese arbeiten. Jedoch gab es online kaum Informationen und sie waren sehr schwer zu finden. Fast am wenigsten spärlich waren die Informationen bei der UFMG. Doch so konnte ich zumindest sehen, dass es interessante, andere Fachgebiete als an meiner Universität, dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) und dem Institut für Informatik der Uni Potsdam gibt. Per E-Mail und teilweise mit Hilfe des DAAD der Uni Potsdam habe ich Kontakt mit der Gast-Uni aufgenommen – auf Portugiesisch und Englisch. Das dortige Äquivalent zum DAAD, das DRI, hat stets innerhalb weniger Stunden schnell und präzise per E-Mail geantwortet, sogar zwischen Weihnachten und Silvester.

Es war für mich schwierig, die wirklich geforderten Bewerbungsunterlagen für Austausch-Studenten (alunos intercâmbistas) zu finden und korrekt auszufüllen, online war es schwer zu finden. Rückblickend wäre es einfacher gewesen, den in Brasilien so üblichen Weg des direkten Kontates zu gehen und einfach nachzufragen, statt selbstständig sein zu wollen. Letztlich waren die Formalitäten ohnehin nicht ganz so wichtig, meinen akademischen Betreuer (orientador) und die belegten Lehrveranstaltungen habe ich ohnehin erst nach der Ankunft gefunden. Für die UFMG musste ich ein Motivationsschreiben auf Portugiesisch schreiben und ein Transcript of Records, sowie Bachelor-Zeugnis auf Englisch einreichen.

Studienfach: IT-Systems Engineering in Potsdam

Aufenthaltsdauer: 01/2014 - 04/2015

Gastuniversität: Universidade Federal de Minas Gerais (Belo Horizonte)

Gastland: Brasilien

Studium

Studium der Informatik in Europa – es ist deutlich fokussierter und forschungsorientierter. Zuerst werden im Master nur 6 Lehrveranstaltungen belegt, davon sind zwei (Algorithmen und Datenstrukturen und das Dozenten-Praktikum) obrigatorisch. Die Belegung werden mit dem Professor, der der akademische Betreuer (orientador) ist, abgestimmt. Zur Bewerbung auf das Master-Studium müssen die dortigen Studenten bereits eine Spezialisierungsrichtung und den gewünschten orientador angeben. Somit wird ab dem ersten Semester das Studium an der Spezialisierung ausgerichtet und die Lehrveranstaltungen auf das Forschungsthema abgestimmt, was vom ersten Semester an auf den Master-Abschluss zielt. Somit ist die Masterarbeit eine Zusammenfassung der in der Regel veröffentlichten Arbeiten und kein isoliertes 1-Semester-Projekt wie am HPI. Lehrveranstaltungen werden nur von Professoren gehalten, von denen es etwa 50 gibt und die Projekte werden auch von den Professoren betreut, sodass Studierende und Professoren einen regelmäßigen und engen Kontakt haben. Mit wievielen Punkten meine in Brasilien erworbenen Leistungen auf Grund des höheren Aufwands als am HPI anerkannt werden, ist derzeit noch nicht beschlossen.

Studienklima

Die Professoren und Studierenden haben einen engen Kontakt, die Professoren merken sich die Namen sehr schnell und alle reden sich, wie in Brasilien üblich, mit Vornamen an, Professoren werden mit professor angesprochen. Jedoch arbeiten die Studierenden individueller als am HPI. Mein Eindruck ist, dass es wenig Team-Arbeit gibt und dementsprechend wenig Erfahrung haben die Studierenden und die Teams sind mitunter ineffizient. Das HPI betont diesen Aspekt zu Recht sehr. Die Mensa ist  hocheffizient: Man bezahlt am Eingang und es gibt immer ein Buffet mit All you can eat: super für Veganer oder Vegetarier! Jedoch ist es nicht wie am HPI, dass durch gleiche Pausenzeiten fast alle gleichzeitig in die Mittagspause gehen und deswegen zusammen essen. Studierende essen eher vereinzelt oder mit ihren Laboratiums-Kollegen. Das heißt aber, dass man in der Mensa Studierende anderer Fachrichtungen trifft, diese Kontakte pflegt und gut neue Leute kennen lernen kann, was sich sehr lohnt!

Betreuung durch dortige Studenten/Verwaltungsmitarbeiter/Dozenten

Es gibt ein Betreuungsprogramm, was sich sehr bemüht, ausländischen Studierenden zu helfen mit einer Einführungswoche mit gemeinsamen Aktivitäten und Unterstützung bei der Zimmersuche und in Notfällen. Ich empfehle sehr, bereits 1-2 Wochen vor Semesterbeginn anzureisen, um die Einführungswoche mitzumachen und ein Zimmer zu finden. Die Verwaltung der UFMG, einer Universität mit fast 50 000 Studierenden1 ist sehr bürokratisch, teilweise etwas chaotisch, langsam und ineffizient – besonders im Vergleich zum HPI, wo es wegen der wenigen Studierenden eine sehr kleine Verwaltung gibt. Jedoch habe ich gute Erinnerungen an die Verwaltung des Postgraduierten-Programms der Informatik (PPGCC), denn sie löste Probleme stets schnell und direkt.

In dem Laboratorium, wo ich gearbeitet habe, habe ich einen Post-Doc kennen gelernt, dessen Forschung mich sehr interessiert hat. Im zweiten Semester habe ich dann mit ihm gearbeitet, und zu unserem Projekt passende Lehrveranstaltungen belegt, statt mit meinem offiziell betreuenden Professor ein Projekt zu finden in einem Bereich, der mich weniger interessiert. Gemeinsam haben wir eine interessierte und sehr kompetente Professorin für unser Projekt begeistern können, die uns sehr gut bis zur Einreichung unseres Artikels begleitet hat und uns aus mancher schwierigen Situation half.

Technische Ausstattung/Öffnungszeiten von Bibliotheken/Computerpools

Das Internet per Kabel in den Laboratorien in der UFMG ist sehr gut, das WLAN leider nicht so sehr. Eine Luxus-Infrastrukur wie am HPI mit Steckdosen und Hochgeschwindigkeits-WLAN auf den Grünflächen des Campus gibt es nicht – dafür sind die Grünflächen an der UFMG natürlicher, tropisch reichhaltig und sehr gut gepflegt. Auch die Architektur der älteren Gebäude am Campus ist sehr gut auf das Klima angepasst und schafft ein angenehmes Mikroklima durch luftdurchlässige Außenwände, offene Korredore und große, schattige Innenhöfe. Dadurch, dass die Master-Studierenden stets an einen Professor gebunden sind, arbeiten sie in der Regel in dem Laboratorium des Fachgebietes. Hochleistungs-Rechner für meine Experiemente konnte ich sehr unkomplizierte benutzen.

Kontakte zu einheimischen und ausländischen Studierenden

Ich wurde sehr gut aufgenommen: Viele Studierende sind sehr interessiert, sicher auch, weil es in Brasilien wenig Ausländer gibt und die meisten eher aus Lateinamerika kommen. Schnell wird man zu Festen und Unternehmungen eingeladen.

Die Ausländischen Studierenden in den naturwissenschaftlichen und Ingenieurs-Fächern kommen eher aus Lateinamerika, die Europäer und Angloamerikaner studieren tendenziell eher Geisteswissenschaften (Ausnahme: Bergbau, was bis heute in der Region sehr wichtig ist). Aufgefallen ist mir, wie ähnlich wir Europäer sind, weil ich mich mit ihnen sehr schnell gut verstanden habe – mit Lateinamerikanern hat das besonders zu Beginn länger gedauert. An asiatische Gäste kann ich mich nicht erinnern, es gab nur wenig Afrikaner. Die anderen Austausch-Studierenden habe ich im Sprachkurs und durch die gemeinsamen Aktivitäten in der Einführungswoche kennen gelernt. Es war sehr nützlich, sich auszutauschen aber ich habe wenig mit ihnen unternommen, sondern eher Kontakt mit Einheimischen gehabt und auch nur mit Einheimischen zusammen gewohnt.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Ich habe Sprachkurse im Umfang von 120 Stunden vor dem Auslandsaufenthalt absolviert: Zunächst einen A2-Kurs an der FU, dann einen B1.1 Intensivkurs in den Sommerferien an der Sprach- und Kulturbörse der TU und schließlich den B1.2-Kurs an der TU. Besonders empfehle ich die Spach- und Kulturbörse mit ihren Intensivkursen in den Ferien. Sehr geholfen hat mir, im Portugiesisch-Kurs einen Vortrag über ein studienfachspezifisches Thema zu halten, um die speziellen Vokabeln zu lernen und Leuten erklären zu können, was man an der Uni macht. Mit dieser Vorbildung konnte ich mich als ich in Belo Horizonte ankam, sowohl auf der Straße halbwegs verständigen als auch mit einer Person  Gespräche führen, die über das Einfachste hinaus gingen. Mit Gruppen von Menschen habe ich sofort den Faden verloren und konnte nicht an der Kommunikation teilnehmen. Ich habe deswegen zunächst in Einzelgesprächen meine Sprache verbessert und dann Schritt für Schritt auch an Gruppenkonversationen teilnehmen können. Dieser Prozes dauerte jedoch einige Monate. Später hatte ich eine Handvoll Personen, mit denen ich viel unternahm und sie regelmäßig in der Uni sah. An deren Aussprache und Grammatik habe ich mich orientiert, um einen halbwegs konsistenten Akzent zu lernen.
In der Universität waren alle meine Lehrveranstaltungen auf Portugiesisch, was mich schnell in die fachspezifischen Terme hineingebracht hat. Besonders im zweiten Semester hatte ich diskussionslastige Seminare mit vielen Präsentationen, was für mich kein Problem mehr war. Jetzt spreche ich fließend die akademische wie informelle Sprache und komme durch meine Reisen in vielen Landesteilen sehr gut zurecht mit verschiedenen brasilianischen Akzenten mit teilweise grammatikalischen Unterschieden. Wenig Erfahrung habe ich mit europäischem und afrikanischem Portugiesisch, die zwar in der Schrift identisch mit dem brasilianischen sind, sich jedoch sehr in der Aussprache und etwas in der Nutzung der Grammatik unterscheiden.

Mein wichtigster Tipp ist, ein Vokabel-Tagebuch zu führen. In einer Text-Datei (technisch ein Email-Entwurf) habe ich mir stets augenblicklich neue Worte oder Phrasen und Satzbeispiele notiert und wie in einem Tagebuch besondere Ereignisse festgehalten. Regelmäßig habe ich diese Liste durchgearbeitet. Das hat meinen Eindruck, dass ich kaum neue Worte lerne, nach wenigern Wochen komplett zerstreut. Umgekehrt habe ich auch reflektieren können, in welchen Situationen ich gut lerne und was mich hindert.

Wohn- und Lebenssituation

Meine Unterkunft habe ich etwa zwei Wochen nach meiner Ankunft gefunden, bis dahin habe ich im Hostel gewohnt. Die Suche war beschwerlich, da das Navigieren mit dem Bus besonders zu Beginn schwierig ist und ich, letztlich eher unbegründet, Angst hatte, mein Smartphone auf der Straße zu benutzen. Der Kontakt findet stets per Telefon statt, was ebenfalls mit geringen Sprachkenntnissen sehr schwierig ist. Mit haben dann andere Gäste im Hostel geholfen. Die besten Anzeigen finden sich als Aushang in den diversen Gebäuden der UFMG oder in Facebook-Gruppen. Von Immobilien-Plattformen wie z.B. easyquarto rate ich ab, da ich nur Kosten aber keinen Erfolg hatte.

Bezirke, in denen ich zu wohnen empfehle, sind die der Süd-Zone und des südlichen Zentrums (Funcionários, Savassi), Santa Tereza, Floresta und die Pampulha-Region von Liberdade, Dona Clara, Jaraguá, bis Ouro Preto, wo sich auch das Wohnheim befindet. Besonders in den Vierteln Liberdade bis Jaraguá wohnen viele Studierende, denn man kann zu Fuß zur Uni laufen und ist nicht auf den unzuverlässigen Bus-Verkehr angewiesen. In Santa Tereza bis Savassi findet sehr viel Bohéme-Leben statt, wobei Funcionários und Savassi sehr schick und teuer sind (nicht nur zum Ausgehen, auch für Lebensmittel etc.), eher zu vergleichen mit Berlin Prenzlauer Berg, während Santa Tereza eher studentisch geprägt ist. Ich habe in Dona Clara/Jaraguá gewohnt, was ich sehr empfehlen kann, denn es gibt ein ausreichendes kommerzielles Angebot von Lebensmitteln bis zur Handy-Reparatur, sodass man die Region nicht verlassen muss und täglich einen gesundheitsfördernden 20-30min-Fußweg zur Universität sowie die absolute Kontrolle über die Wegdauer hat. Wenn man im südlichen Zentrum wohnt, kann der Fahrtweg gut und gerne 1h-1,5h dauern, Streiks und Demonstrationen und Rückenschmerzen vom vielen Stehen in überfüllten Bussen zu den Stoßzeiten nicht eingerechnet.

Für die Zimmer gilt jedoch, dass man keinen europäischen Standart erwarten kann: Sehr günstige Mieten (R$300-400 für ein Einzelzimmer) sind sind weit unter gewohnten Bedingungen, Luxus-Niveau ist teurer (ab R$800), was einen eingezäunten Neubau mit Portier, Pool und Fitnessgeräten einschließt. Elektrozaun und Stacheldraht gibt es immer. Das Teilen von Zimmern ist äußerst üblich. Ich habe für monatlich R$700 in einer Suite (Zimmer + eigenes Bad) in einer Villa mit 9 anderen Studenten und der Vermieterin gewohnt, was sehr gut geklappt hat. Wir hatten eine große Terrasse mit Hängematte und überdachter großer Küche im Außenbereich.

Öffentliche Verkehrsmittel

Es gibt in Belo Hoizonte eine Metro-Linie, die leider die wichtigsten Viertel nicht miteinander verbindet. Der Bus ist nach der Fußball-WM besser geworden (Stichwort das von Curitiba inspirierte System BH MOVE), jedoch sind Vorhersagen, wann man am Ziel ankommt unzuverlässig und die älteren Bus-Linien (die, die nicht am MOVE-System auf den Verkehrs-Hauptachsen teilnehmen) sehr unkomfortabel. Es gibt kein Liniennetz und kein Fahrplan, wann ein Bus an welcher Station ist. Es gibt nur Informationen über die Abfahrtzeit an der Endstation. Jedoch hilft Google Maps ungemein, es funktioniert auch in Belo Horizonte viel besser als in anderen brasilianischen Städten, wahrscheinlich, weil die brasilianische Google-Entwicklungsabteilung in Belo Horizonte sitzt. Das wichtigste ist jedoch, andere Menschen zu fragen, wie man ans Ziel kommt und wo welcher Bus vorbeifährt. Verkehr mit dem Fahrrad wie in Berlin oder Potsdam ist schwierig, da Belo Horizonte sehr bergig ist, der Auto-Verkehr gefährlicher und Fahrradwege erst im kommen sind. Es existiert ein Mietfahrrad-System der Bank Itaú, was aber leider nicht nachts funktioniert. Deswegen ist man sehr auf das Taxi angewiesen, besonders nachts. Kosten: 1km etwa R$4,20. Am besten ist es, Verkehrsmittel zu kombinieren: Zum Beispiel mit dem Taxi zur U-Bahn, dann U-Bahn, dann Bus oder Sammeltaxi, dann laufen. Nachts ist oft nur das Taxi eine Option, weil viele Busse nachts nicht fahren oder äußerst lange Wartezeiten haben und die Abfahrtzeiten unzuverlässig sind. Ohnehin ist es besonders allein in der Innenstadt potentiell gefährlich.

Bankgeschäfte

Ich hatte kein brasilianisches Bank-Konto, sonder habe alles über eine VISA-Karte der DKB gelöst. Mit ihr kostet die Kartenzahlung aber Bargeldabheben ist kostenlos und funktioniert an VISA-fähigen Automaten der Banco do Brasil. In Amazonien, im Nordosten, im Südosten und im Süden von Brasilien hat dies immer geklappt. Dennoch kann sich ein Konto und eine Debit-Karte lohnen, da diese häufiger als Kreditkarten akzeptiert werden und man über ein Konto auch per Boleto z.B. Online-Rechnungen oder Gebühren bezahlen kann, ohne in einer Bank anstehen zu müssen und dies am Schalter mit Bargeld zu tun.

Krankenversicherung

Eine private Krankenversicherung ist ein Muss für das Visum. Durch einen Autounfall habe ich einige Tage in einem privatem Krankenhaus verbracht, was mich durch seine chaotische Organisation sehr enttäuscht hat. Ich hatte das Gefühl, dass sich alles in die Länge gezogen hat, um mich als Patient, der als Geldquelle gesehen wird, zu behalten. Bessere Erfahrungen habe ich mit dem steuerfinanzierten SUS gemacht, was für alle Menschen in Brasilien kostenloste Behandlung garantiert. Jedoch variiert die Qualität des SUS sehr: Man kann, besonders in urbanen Zentren, Behandlung auf sehr gutem Niveau bekommen oder, besonders in ländlichen Bereichen im Nordosten und Norden, eine eher schlechte Behandlung, mitunter fehlen Medikamente oder Test-Substanzen. Jedoch bessert sich dies gerade durch die eingekauften kubanischen Ärzte und auch an Schulen und Universitäten gibt es einen enormen Wandel: Im Krankenhaus habe ich ausschließlich hellhäutige Ärzte gesehen, die meisten hatten sogar helle Augen, jedoch gibt es bereits viele dunkelhäutige Medizin-Studierende – ein klares Indiz auf die verbesserte, inklusivere Bildung der letzten 15 Jahre.

Lebenshaltungskosten und andere finanzielle Besonderheiten

Brasilien gilt als teures Land in Lateinamerika, besonders für Lateinamerikaner und Brasilianer. Mit Euros ist alles entspannter. Ich wurde durch Auslandsbafög und Kindergeld finanziert und hatte etwa den vierfachen brasilianischen Mindestlohn (der bestenfalls zum Überleben reicht) zur Verfügung. Ich habe während der Semester etwa 600€ pro Monat ausgegeben, somit konnte ich sparen für Reisen. Fahrkarten für z.B. Fernbusse sind teuer wegen der allgegenwärtigen hohen Steuern (etwa 40% auf Bus-Tickets) und auch, weil die Entfernungen riesig sind (Brasilien hat die doppelte Fläche der EU). Aber ich benötigte nicht viel Geld zum Reisen, denn ich habe bei kennen gelernten lokalen Leuten gewohnt, in Städten über Couchsurfing Unterkünfte, Freundschaften und interessante Einblicke gefunden. Nach meinem Studium habe ich 2 Monate Freiwilligen-Arbeit in der Landwirtschaft, zum Teil über WWOOF2 gemacht, was ebenfalls kostenlose Verpflegung und Unterkunft beinhaltet hat.

Freizeitangebote

Die Brasilianische Populärkultur ist großartig! Sie ist besonders interessant, da Brasilien ein Einwanderungland ist und sich dort besonders Afrikaner, indigene Amerikaner und Europäer gemischt haben. Auch gab es viel Einwanderung aus Japan und dem Nahen Osten. Anders als (mein Eindruck) in den USA, existieren die verschiedenen Kulturen und Ethnien nicht parallel, sondern stets vermischt, was eine unglaublich reichhaltige Basis für Neukombinationen schafft. Auf dem Campus Pampulha der UFMG ist immer etwas los, es gibt viele Feste und kulturelle Events. Außerdem habe ich zwei Semester an einem der privat organisierten Tanzkurse (Forró) teilgenommen. Ich empfehle es sehr, Forró zu lernen, denn dieser Tanz ist sehr populär, es gibt an der UFMG eine wöchentliche Tanzveranstaltung, wo man neue Leute anderer Fachrichtungen kennen lernen und Kontakte pflegen kann. Für authentische Brasilien-Erlebnisse empfehle ich die Capoeira-Gruppe und die Maracatu-Gruppe an der UFMG zu besuchen oder eine andere in der Stadt zu finden. Es gibt kaum Sport-Kurse und kein reichhaltiges Unisport-Programm wie an den Berliner und Potsdamer Universitäten. In Belo Horizonte gitb es ein sehr vielfältiges kulturelles Angebot. Am besten findet man das über Facbook und Empfehlungen von Freunden heraus. Hervorzuheben ist, dass Belo Horizonte viel günstiger als Rio de Janeiro und São Paulo ist. Außerdem gibt es kaum Ausländer und Touristen und viel schöne und interessante Natur in der Umgebung. Hervorheben würde ich Wanderungen in der Serra do Cural (am Rand von Belo Horizonte), Lapinha da Serra (für mich der schönste und besonderste Ort im Cerrado) und der Serra do Cipó. Sehr zu empfehlen ist auch (gern mehrfach) ein Tag in dem riesigen Park Inhotim, wo es außerdem viel moderne Kunst zu sehen und erleben gibt und außerdem die barocken Kolonialstädtchen wie Ouro Preto, Mariana und Tiradentes, die immer noch wie im 16. Jh. aussehen, da sie frei von Neubauten sind. In ihrer Umgebung gibt es viele Wasserfälle, die zur Erfrischung an Wochenenden oder Feiertagen einladen. Sowohl im ländlichen Raum und in der Natur, als auch in den Städtchen kann man sehr viel über Geschichte und Gegenwart des Bundesstaates Minas Gerais und Brasiliens erfahren.

Die brasilianische Kulturhauptstadt ist für mich Recife/Olinda. Karneval empfehle ich NICHT in Rio de Janeiro, Salvador, oder im Landesinneren von Minas Gerais, wie z.B. in Ouro Preto oder Diamantina sondern eben in Recife/Olinda oder Belo Horizonte zu verbringen. In Recife kann man die reichhaltige
afrobrasilianische Kultur kennen lernen und hat im Gegensatz zu Rio de Janeiro und Salvador einen volkstümlichen Karneval, muss sich aber mit sehr vielen Menschen und auch ausländischen Touristen das Spektakel teilen. In Diamantina und Ouro Preto ist karneval ein sehr studentisches und alkoholisches Fest. Im Falle Belo Horizontes gibt es keine Touristen, alles findet auf der Straße statt, es gibt keine großen Bühnen, Trucks und Stars, sondern die Karnevals-Bewegung ist sehr studentisch und aktivistisch geprägt: für das Recht auf Stadt und gegen Kommerzialisierung und Privatisierung. Auch sucht sie den Kontakt mir den marginalisierten Peripherien und bietet kreative und originelle Karnevals-Blocks (z.B. Pena de Pavão de Krishna, Tira o Queijo, Trovão das Minas), in denen man auch leicht mitspielen kann – einfach zu den Proben erscheinen.


Rückblick

Was ich etwas zu spät bemerkt habe: Hin- und Rückflug gleichzeitig buchen ist fast so teuer wie nur ein Hinflug. Für das Visum benötigt man ein Ausreise-Ticket, was kein Flug nach Deutschland sein muss sondern auch ein viel günstiger zu verwerfendes Bus-Ticket sein kann. Ich wollte mich nicht auf ein Rückreise-Datum festlegen, deswegen kaufte ich einen Condor-Rückflug was der einzige war, den man kündigen kann und das Geld erstattet bekommt, jedoch mit 120€ Verlust. Wenn man innerhalb eines kleinen Zeitfensters Flexibilität benötigt, kann auch Umbuchen eine Option sein.

Die besten Erfahrungen für mich waren die Natur und die Populärkultur Brasiliens.  Beeindruckend war, Post-Kolonialismus zu erleben in Form von Ausbeutung der netürlichen   Ressourcen, was seit 500 Jahren bis heute anhält: viel unserer Lebensgrundlage an Rohstoffen  (Erze, Soja, Öl) kommt von dort und wird in den Industriestaaten veredelt. Auch herrscht häufig  eine seltsame Verklärung und Verherrlichung von Europa und den USA. Viele Brasilianer denken,  dass das Gras dort grüner ist und Brasilien, besonders die brasilianische Bevölkerung minderwertiger ist. Deswegen engagieren sie sich wenig für die brasilianische Gesellschaft – es ist eben auch ein sehr großes (doppelte Fläche der EU) und heterogenes Land mit je nach Region völlig unterschiedlichen Problemen und Interessen. Besonders faszinierend ist die brasilianische Kultur, denn sie nimmt viele innovative Formen auf der Basis der Kulturen der Herkunft der Bewohner an. Vor allem sichtbar ist die Mischung aus Europa, indigenem Amerika und Afrika. Vielleicht auch deswegen sind Brasilianer generell sehr offen und undogmatisch gegenüber Mischungen und neuen Formen und es muss nicht immer korrekt und traditionell zugehen. Ebenfalls entspannt, undogmatisch und interessante wird Spiritualität behandelt, die omnipräsent und viel wichtiger ist als ich das aus Europa kenne und es gibt viele populäre Religionen und spirituelle Richtungen jenseits des Christentums, wie z.B. Umbanda, Candomblé, Santo Daime und Spiritismus.

Ein großer Schatz Brasiliens ist, dass die traditionelle Kulturen der Indigenen und Afrikaner sich war mit der Populärkultur gemischt haben, jedoch traditionelle Siedlungen noch präsent sind und deren eigene Kultur klar aus der Populärkultur heraussticht. Währenddessen haben in Westeuropa die Germanen, Wikinger, Kelten etc. zwar die Populärkultur beeinflusst, aber deren Kultur ist heute deutlich schwieriger in ihrer Besonderheit zu erleben. Besonders wichtig war für mich, andere Lebensrealitäten kennen zu lernen. Ich war in Familien oder Gemeinden, die kein Wasser haben oder die Wasser und Strom seit 5 Jahren haben, und demzufolge deren sprunghaftes Wachstumsehr jung ist. Es war sehr spannend zu erleben, wie sich diese Menschen mit der materialistischen Welt auseindander setzen. Die Extreme waren für mich Regionen mit eher europäischem Standard, wie São Paulo oder noch viel mehr Curitiba. Auf der anderen Seite standen das Landesinnere von Pará und Pernambuco (sertão). Die Staaten Minas Gerais und  Espirito Santo sind gewissermaßen ein gemäßigtes Mittelding zwischen diesen Extremen. Deren Landesinnere ist für mich die lebenswerteste Region Brasiliens, die ich kennen gelernt habe. Bemerkt habe ich, dass das ländliches Leben und die Natur großartig in Brasilien ist – die europäische Angewohnheit, schöne Städte zu besichtigen funktionierte für mich nicht. Die Bauwerke und Infrastruktur sind weder schön noch gut funktionierend, Stadt-Strand ist fürchterlich und besonders die Städte an der Küste sind extrem heiß, da sie Betonwüsten sind. Deswegen empfehle ich mit größtem Nachruck: In die Natur, ins Landesinnere! Weg von der Küste, rein in die Berge und den ursprünglichen Wald. Dort habe ich Schönheit entdeckt, die ich in Europa noch nicht wahrgeommen habe.

Besonders haben mir gefallen: Lapinha da Serra und Ouro Preto (Minas Gerais), Caparaó (Espirito Santo/Minas Gerais), der Amazonas-Nationalpark FLONA do Tapajós (Pará), Foz do Iguaçu (Paraná), sertão nordestino (Pernambuco, Paraíba, Bahia).

Besonders fürchterlich ist die Infrastuktur, wie z.B. der öffentliche Nahverkehr in jeder großen  Stadt. Ebenfalls deprimierend ist die Politik durch weit verbreitete Korruption und  Vetternwirtschaft. Die spannende Frage ist: Wie funktioniert eine Gesellschaft, die so weit geographisch verstreut ist und deren Regionen kulturell, historisch und ökonomisch sehr verschieden sind? Diese Fragen zu erforschen, war sehr interessant.

In Brasilien war es für mich wichtig, Meschen anzusprechen, um Hilfe oder Informationen zu bitten, denn man findet man deutlich weniger Informationen per Smarthone im Internet, als ich das von Berlin gewohnt war. Diese Angewohnheit habe ich nach Deutschland mitgebracht. Ebenfalls sehr viel trainiert habe ich das Warten. Auch habe ich mehr Fokus auf wichtige Dinge entwickelt, denn ich konnte weniger am Tag schaffen als zuvor in Berlin: vieles dauert sehr lange und lässt sich nur persönlich und nicht online erledigen. Außerdem sind die Transportzeiten stets sehr lang. Deswegen war ich immer mit einem Buch unterwegs sein, um diese Zeit zu nutzen. Zusätzlich bin ich gelassener geworden und rege mich weniger über Dinge auf, die ich nicht ändern kann. Gelernt habe ich, dass das Leben ist ziemlich unvorhersehbar sein kann und ich deswegen einfach spontaner entscheide je nach Stimmung und Situation, und weniger Pläne machen. Ohnehin sind Pläne (Verabredungen, Reisen, …) in Brasilien nicht in Stein gemeißelt. Ich habe mich häufig gewundert und musste mich daran gewöhnen, dass sie sich bis zur letzten Minute ändern – „Versprochen“ ist keinesfalls versprochen. Deswegen gibt es die Angewohneheit, kurz vor einer Verabredung zu fragen, ob sie noch em pé ist (steht), denn Einaldungen werden aus Höflichkeit stets angenommen. Auch anders ist, wie das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft funktioniert: Lärm in der Nachbarschaft ist normal und viele Menschen sind sehr auf ihren eigenen Vorteil aus, statt an das Gemeinwohl zu denken. Auch wartet man in Gruppen auf jeden einzelnen, statt, meine Erfahrungen in Deutschland, stärker das Kollektiv und das gemeinsame Ziel zu betonen. Jedoch gibt es andererseits mehr als in Deutschland Hilfe und Einfühlung für Andere, teilweise Fremde Leute. Häufig wird eine einfühlsame Ausnahme gemacht, die besondere Umstände berücksichtigt, statt dem Grundsatz zu folgen immer gleiche Regeln für alle anzuwenden, auch wenn es verschiedene Umstände gibt. Klischees und Erwartungen treffen wohl in keinem Land der Welt ständig zu, das habe ich häufig erlebt: Es gibt in Brasilien äußerst organisierte und unorganisierte, spontane Menschen – genau wie hier, nicht alle können tanzen oder Fußball spielen und sind entweder arm oder reich. Besonders in ländlichen Regionen habe ich viel Kreativität erlebt: zum Beispiel wird auch aus mangel an Recycling Müll (Plastikflaschen, ausgemusterte Schulbücher, etc.) als Basis für neue Konstruktionen genutzt. Ebenfalls werden Gegenstände gut gepflegt, weil Neukaufen nicht möglich ist.

Das beeindruckendste Beispiel sind die häufig wie neu glänzenden Aluminiumtöpfe, mit denen seit bis zu 40 Jahren täglich gekocht wird. Dieses nichtkonsumistische Denken und Handeln hat mich sehr an Erzählungen aus der DDR erinnert, sodass meine Reisen auch Zeitreisen waren. Abschließend möchte ich jeden ermuntern, dieses vielfältige Land mit seinen vielfältigen Bewohnern und vielfältiger Natur zu erkunden. Sicherlich kann man je mehr für sich und über sich entdecken, je unterschiedlicher die Lebensumstände sind. Brasilien bietet eine große Bandbreite von Vertrautem und Neuem, sodass ich überzeugt bin: Es gibt einiges, was jeder für sich in Brasilien entdecken kann!

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