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Acción Poética

Acción Poética (auch: Movimiento Acción Poética) bezeichnet eine vornehmlich in Lateinamerika, seit 2013 auch zunehmend in Spanien verbreitete literarisch-künstlerische Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den öffentlichen Raum mit Poesie zu gestalten. Dabei werden hauptsächlich Mauern und Häuserwände genutzt, um diese mit einer Art poetischen Graffiti in Form eines lyrischen Kurztextes zu bemalen. Das Anbringen der Texte erfolgt immer in Gruppen, die sich in einzelnen Städten oder Provinzen unabhängig voneinander formieren. Dennoch zeichnen sich alle Arbeiten, die sich dieser Bewegung zuordnen lassen, durch die gleiche Vorgehensweise bei der Anbringung und einer ähnlichen gestalterischen Darstellung der einzelnen Texte aus: auf einer eigens dafür weiß bemalten Wand werden die einzelnen Buchstaben des Kurztextes in schwarzer Farbe als Majuskeln aufgetragen. Als Signatur dient stets „Acción Poética“ ergänzt mit dem Namen der jeweiligen Stadt oder Provinz.

Wenngleich es sich bei den Werken der Acción Poética um eine Form des Graffitis handelt, so ist es vor allem der Aspekt der Legalität, der einen wesentlichen Unterschied zu dem heute gängigen Konzept von Graffiti markiert. Die literarischen Kurztexte werden immer offiziell und nur mit Erlaubnis an privaten oder öffentlichen Wänden angebracht. Auch genießen die im Rahmen der Acción Poética entstandenen Arbeiten bei der Bevölkerung eine größere Akzeptanz als illegale Formen der individuellen Fassadengestaltung. Sie werden allgemein als Bereicherung für das Stadtbild angesehen.

Neben Art der Anbringung, gestalterischer Darstellung und Legalität, stellt die sehr kurze Textlänge ein weiteres Merkmal der poetischen Bewegung dar. Um ein schnelles und flüchtiges Lesen zu gewährleisten, umfassen die lyrischen Texte nie mehr als acht Wörter. Dabei kann es sich um Auszüge poetischer Werke bekannter Autoren handeln oder um selbstverfasste kurze Gedichte, den sogenannten micropoesías. Ziel ist es, mit den Texten möglichst viele Menschen anzusprechen, zu berühren und eine positive Stimmung hervorzurufen. Daher hat sich innerhalb der Bewegung die allgemeine Regel durchgesetzt, keine Texte zu verwenden, die offenkundig politische oder religiöse Inhalte transportieren. Viele Texte beziehen sich auf das Thema Liebe und drücken Gefühle wie Leidenschaft, Sehnsucht und Verlangen aus. Doch auch Gedichte, die allgemein positive Aspekte des Lebens beschreiben und zum Nachdenken anregen wollen, sind nicht selten.

Quelle: https://twitter.com/APTachira/status/314900824478322688/photo/1
Acción Poética: „Si no tardas mucho, te espero toda la vida.“

Das Projekt Acción Poética wurde 1996 von Armando Alanís Pulido ins Leben gerufen. Der mexikanische Dichter ist in seinem Heimatland bereits seit über 20 Jahren für ungewöhnliche Formen der Verbreitung seiner Poesie bekannt. Mit Aktionen wie das Verteilen von handlichen Flyern, die er mit seiner Poesie bedrucken ließ, oder das Bekleben von Geldautomaten, Straßenlaternen und anderen öffentlichen Flächen mit poetischen Textauszügen, sucht er immer wieder den direkten Kontakt zur allgemeinen Bevölkerung. Literatur im Allgemeinen und Poesie im Besonderen soll so aus einem kleinen Kreis Intellektueller herausgehoben und für eine größere Schicht zugänglich gemacht werden. Mit seinen Projekten möchte Alanís Pulido die Distanz zwischen Produzenten und Rezipienten von Literatur aufbrechen, um das Interesse für literarische Texte und die Lust am Lesen zu wecken. Durch die Einbindung von Poesie im städtischen Raum verweist Alanís Pulido auf neue Formen der Literaturvermittlung, die das Potenzial besitzen, Literatur attraktiv und erfahrbar zu machen. Gleichzeitig regen sie dazu an, sich auch im privaten Umfeld näher mit Literatur auseinanderzusetzen und in einem weiteren Schritt selber als Literaturproduzent tätig zu werden.

Die Idee zu der von ihm begründeten Acción Poética entstand in Anlehnung an die Rolle und Wirkungsweise kommerzieller Werbung in der heutigen Alltagskultur: Überall präsent erhält Werbung nicht nur ausdrückliche Aufmerksamkeit, sondern generiert darüber hinaus durch den ihr zugrundeliegenden persuasiven Charakter Bedürfnisse und Sehnsüchte. Durch die Platzierung an festen Plätzen und an unübersehbaren Flächen wie Mauern und Häuserwände sollte auch die Poesie selbstverständlicher Bestandteil des Alltagslebens werden, um in vergleichbarer Weise wie Werbung auf die Betrachter einzuwirken.

Die positive Resonanz auf Pulidos Projekt in seiner Heimatstadt Monterrey und bald auch in Mexiko zeigte, dass es ihm gelungen war, ein allgemeines Interesse für Poesie zu wecken. Seit der Gründung seiner Acción Poética nimmt die Zahl derer, die nach seinem Vorbild poetische Aktionen im eigenen städtischen Raum organisiert, stetig zu. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter haben dazu beigetragen, dass die Bewegung auch über die Grenzen Mexikos hinaus Verbreitung fand. In diesen Internetplattformen machen einzelne lokale Gruppen auf sich aufmerksam, stellen ihre Arbeiten durch Fotos vor und gewinnen neue Mitglieder. Oft dienen diese Netzwerke auch der Suche nach neuen Flächen, die zur Bemalung zur Verfügung stehen. Vor allem das soziale Netzwerk Facebook hat sich in den letzten zwei Jahren als Medium eines direkten Austauschs zwischen den einzelnen aktiven Gruppen und deren passiven Netzwerk-Anhängern herausgebildet. Durch Aufrufe an die Netzgemeinschaft, Textvorschläge für anstehende Projekte einzureichen, wird der Prozess einer bewussten Lektüre literarischer Texte, aber auch die individuelle literarische Textproduktion initiiert und gefördert.

Quellen:

Autorin Ariana Neves
Zeitraum Juli 2014
Datum Montag, 7. Juli 2014 - 10:00