Neuere Geschichte I (19./20. Jahrhundert)

Presse

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  • Interview mit Prof. Dr. Manfred Görtemaker im Rahmen der Sendereihe "Europazeit" von Dr. Eckart Stratenschulte (Europäische Akademie Berlin) zum Projekt "Die Rosenburg - Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Vergangenheit":

    Nationalsozialisten in der Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland


  • Bonner General-Anzeiger 11. Oktober 2013: "Auf der Suche nach dem alten Geist der Rosenburg"


  • Olaf Glöckner: "Die langen Schatten der Rosenburg"

  • Potsdamer Neueste Nachrichten, 2. Mai 2012, S. 23

    Die langen Schatten der Rosenburg


    Ein Symposium zu NS-Kontinuitäten im frühen Bundesjustizministerium:
    Auftakt für die Arbeit der Unabhängigen Historikerkommission unter Leitung des Potsdamer Historikers Manfred Görtemaker


    von Olaf Glöckner

    Auf der idyllisch anmutenden Rosenburg bei Bonn erlebte das Bundesministerium der Justiz (BMJ) einst seine formativen Jahre. Hier galt es, nach NS-Diktatur und Zweitem Weltkrieg die Weichen für eine völlig neue, rechtsstaatliche Gerichtsbarkeit zu stellen. Pro forma gelang der Übergang ins neue Rechtssystem dann erstaunlich reibungslos und schnell. Doch unter der Hand setzten nicht wenige Nazitäter ihre Juristenkarrieren ungebrochen fort, wuschen sich untereinander rein und brachten möglicherweise totalitäres Rechtsverständnis in bestimmte Felder der Rechtssprechung - wenn auch indirekt - wieder ein.

    Darüber diskutierten vor wenigen Tagen Historiker, Strafrechtler und Politiker bei einem Symposium im Kammergericht Berlin. Hier stellte sich die von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger eingesetzte "Unabhängige Wissenschaftliche Kommission beim Bundesministerium der Justiz zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit" vor. Die von dem Potsdamer Zeithistoriker Manfred Görtemaker (Uni Potsdam) und dem Marburger Rechtshistoriker Christoph Safferling geleitete Kommission wird nun unter anderem den kompletten Bestand der Personalakten des BMJ von 1949 bis 1973 sichten und auswerten.

    Das Symposium nutzten zahlreiche Fachleute aus ganz Deutschland, um sich über bisherige Forschungslücken, Archivbestände und offene methodische Fragen auszutauschen. Über das, was die Kommission leisten kann, und den Untersuchungsgegenstand an sich gehen die Meinungen durchaus noch auseinander. So sprach der bekannte Geschichtsprofessor Norbert Frei (Universität Jena) von einer "Totalkontinuität" an NS-Juristen in der frühen BRD, was selbst vor zwanzig Jahren noch schwer vermittelbar gewesen sei.

    IllustrationProfessor Manfred Görtemaker setzt nach eigenen Worten auf "ergebnisoffene Recherche" und will zusammen mit Professor Christoph Safferling und den im Aufbau befindlichen Arbeitsgruppen eine "systematische Gesamtschau" auf die Arbeitsweise des damaligen BMJ erarbeiten: Wie funktionierten die Mechanismen der Übernahmepraxis von NS-Juristen? Gab es hierfür spezielle Personalausschüsse, und wie waren diese zusammengesetzt? Heikel ist auch der Komplex von Amnestie und Verjährung. Hier wird es wohl um mehr gehen müssen als nur den einstigen "Scharfrichter" Eduard Dreher, welcher zu Hitlers Zeiten am Sondergericht Innsbruck Todesurteile bei geringfügigsten Straftaten durchzusetzen versuchte. Dreher gelang ab Anfang der 1950er Jahre am Bundesjustizministerium eine atemberaubende zweite Karriere: Er wurde Generalreferent für die große Strafrechtsreform und brillierte schließlich durch seinen Kommentar zum neuen Strafgesetzbuch. Seine hohe Position am BMJ nutzte er zugleich, um frühzeitige Gesetzentwürfe für die Amnestie von NS-Gewaltverbrechern auf den Weg zu bringen - mit Erfolg.

    Ein ebenso fragwürdiger wie bizarrer Aufstieg gelang dem Star-Juristen Willi Geiger, von 1951 bis 1977 Richter am Bundesverfassungsgericht. Geiger hatte während der NS-Zeit das Berufsverbot für jüdische Journalisten publizistisch gerechtfertigt und als Staatsanwalt am Sondergericht Bamberg in mindestens fünf Fällen Todesurteile erwirkt. Im BMJ avancierte er dann zu einem der Architekten des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes. Maßgeblich prägte Geiger aber auch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum umstrittenen Radikalenerlass von 1972 mit.

    Bilden Fälle wie die von Dreher und Geiger nur die Spitze vom Eisberg? Sind die Schatten der Rosenburg noch weit dunkler und länger als bisher vermutet? Vieles deutet darauf hin. Bundesaußenminister a. D. Klaus Kinkel (FDP) verwies beim Berliner Symposium auf zwei schockierende Fälle aus Süddeutschland: Einstige Beisitzer am Volksgerichtshof von Rudolf Freisler, der serienweise Todesurteile gegen Hitler-Opponenten gefällt hatte, brachten es dort später zu höchst respektierten Landgerichtsräten. "Das alles ist furchtbar und verlangt nach Aufarbeitung", mahnte Kinkel, der die Einsetzung der Kommission lobte. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bewertete das Symposium als einen gelungenen Auftakt und erklärte gegenüber den PNN: "Wir haben hier nicht nur theoretisch-methodische Diskussionen auf hohem Niveau erlebt, sondern auch viele persönlichen Erinnerungen." Die Aufgaben der Kommission seien nun gewaltig. "Aber wir werden sie intensiv begleiten, und es wird häufige Zwischenauswertungen geben."


  • Sven Felix Kellerhoff: "Wie aus `furchtbaren Juristen` Demokraten wurden"

  • WELT Online, 27. April 2012

    NS-Verbrechen: Wie aus "furchtbaren Juristen" Demokraten wurden


    Das Bundesjustizministerium lässt seine eigene Geschichte durchleuchten. Eine Kommission soll klären, inwiefern das Ministerium an der Nicht-Aufarbeitung von NS-Verbrechen beteiligt war. Von Sven Felix Kellerhoff

    Es war eine kleine, beinahe nebensächliche Änderung. Am 10. Mai 1968 verabschiedete der Bundestag einstimmig ein bereits seit Jahren vorbereitetes "Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeiten-Gesetz" und damit auch eine neue Regelung für Bagatellstraftaten. Vor dem Parlamentsbeschluss hatte offenbar niemand erkannt, dass dieses Gesetz eine weitreichende Folge haben würde: Sämtliche Straftaten aus der NS-Zeit mit Ausnahme von Mord und Beihilfe zum Mord im engen strafrechtlichen Sinne waren danach bereits 1960 verjährt.

    Erst mit einigen Monaten Verspätung sickerte durch, dass der neue Paragraf 50/2 unter anderem das damals gerade bevorstehende größte deutsche Strafverfahren gegen insgesamt 294 "Schreibtischtäter" der Gestapo-Zentrale zum Platzen bringen würde. Als dann ein Jahr nach dem Bundestagsbeschluss der Bundesgerichtshof genau diese Sichtweise letztinstanzlich bestätigte, hatte die "kalte Verjährung" der NS-Verbrechen ihren Höhepunkt erreicht. Wesentlich an der Ausarbeitung des "Einführungsgesetzes" war der Jurist Eduard Dreher im Bundesjustizministerium beteiligt gewesen. Der brillante Fachmann gilt schon seit längerem als verdächtig, die vermeintliche Gesetzgebungspanne bewusst inszeniert zu haben. "Hat Dreher gedreht?", fragte der Berliner Rechtssoziologe Hubert Rottleuthner bereits vor Jahren. In der Tat ist das eine der Kernfrage, wenn es um die Geschichte des Bundesjustizministeriums geht. Jetzt hat die verantwortliche Ressortchefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberg (FDP) den Startschuss für die Aufarbeitung gegeben.

    NS-Verstrickung des Auswärtigen Amtes

    Mit dem Potsdamer Zeithistoriker Manfred Görtemaker und dem Marburger Völkerrechtler Christoph Safferling leiten zwei angesehene Fachleute die Unabhängige Historikerkommission beim Justizministerium. Beim Eröffnungscolloquium im Berliner Kammergericht sagte Leutheusser-Schnarrenberger den beiden Forschern volle Unterstützung und gleichzeitig absolute Eigenständigkeit zu. Anders als der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer (Die Grünen) vor Beginn der Arbeit der Historikerkommission des Auswärtigen Amtes (AA) formulierte die Ministerin auch keine Erwartungen an die Ergebnisse. Die Kommission zur NS-Verstrickung des AA hatte zwar im Herbst 2010 große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für ihren Bericht erhalten, doch gerade ihre zugespitzten Schlüsse, etwa das Auswärtige Amt sei eine "verbrecherische Organisation" gewesen, erwiesen sich als nicht tragfähig. Zudem waren die präsentierten Schlüsseldokumente teilweise schon seit Jahrzehnten bekannt.

    Ein ähnliches Fiasko wollen Görtemaker und Safferling vermeiden. Sie setzen zwei Jahre allein für die aufwendige Recherche in den Akten des Justizministeriums an. Sehr viel davon, vor allem die Personalakten, war bislang noch nie zugänglich. Görtemaker sagte "Welt Online", es sei seine Bedingung gewesen, dass nach Abschluss der Forschung sämtliche Materialien ans Bundesarchiv abgegeben werden. Damit ist maximale Transparenz gewährleistet. Außerdem wollen die beiden Lehrstuhlinhaber selbst in den Archiven arbeiten und nicht vor allem - wie die Mitglieder der AA-Kommission - angestellte Mitarbeiter mit den Primärrecherchen beauftragen. Das jetzt erstmals präsentierte Forschungsvorhaben umfasst natürlich auch die Überprüfung der Beamten des Justizministeriums auf ihre persönliche Tätigkeit während des Dritten Reichs. Aber es wird weit über den Abgleich mit der NSDAP-Mitgliederkartei hinausgehen, die das einzig wichtige Ergebnis der AA-Kommission war.

    Haltung zu den Nürnberger Prozessen

    Da das Bundesjustizministerium wesentlich beteiligt war an der strafrechtlichen Aufarbeitung von NS-Verbrechen beziehungsweise oftmals ihrer Nicht-Aufarbeitung, stellen sich weitere spannende Fragen. Görtemaker skizzierte fünf davon:

    - Welche Rolle spielte das Justizministerium in den Fünfzigerjahren beim Umgang mit bereits von den Alliierten oder deutschen Gerichten verurteilten NS-Tätern?
    - Förderten oder verhinderten die zuständigen Abteilungen die Verfolgung von NS-Verbrechern?
    - Verschleppten die Beamten im idyllischen Bonner Sitz der Behörde, der "Rosenburg" die Rehabilitierung von Opfern des NS-Unrechtssystems?
    - Welche Haltung nahmen sie zu den Nürnberger Prozessen und dem dort gesetzten neuen Völkerstrafrecht ein?

    Am wichtigsten schließlich dürfte die Frage sein, wie sehr sich das Justizministerium bei der "materiellrechtlichen Entnazifizierung" deutscher Gesetze engagierte - also etwa der Beseitigung der zahlreichen rassistisch motivierten Gesetzesänderungen aus der NS-Zeit im Familienrecht.

    Westdeutsche Justiz war belastet

    Wenn "frühestens" 2015 Görtemaker und Safferling ihren Bericht vorlegen, dürfte darin anders als bei der AA-Kommission kein schlichtes Schwarz-weiß-Bild zu finden sein. Das machte schon die Bestandsaufnahme deutlich, mit der jetzt die Kommissionsarbeit begonnen hat. So bilanzierte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert, einer der besten Kenner der NS-Geschichte und ihrer höchst ambivalenten Aufarbeitung nach 1945, dass es weniger um die Haltung ehemaliger Mitarbeiter des Justizministeriums gehen sollte, auch wenn sie NSDAP-Mitglieder waren, sondern um ihre ganz handfesten Taten. Der Freiburger Professor benannte als eine der spannendsten Aufgaben der Kommission, der er selbst nicht angehören wird, wie und warum aus den an die NS-Ideologie gebundenen "furchtbaren Juristen" des Dritten Reiches nach 1945 Träger des demokratischern Rechtsstaates wurden. Die westdeutsche Justiz war, daran ließ Herbert keinen Zweifel, überdurchschnittlich belastet mit ehemaligen Funktionsträgern aus dem Dritten Reich.

    Sie betrieben einen "außerordentlich erfolgreiche vergangenheitspolitische Selbstverteidigung", standen aber dennoch der Entwicklung der Bundesrepublik zum liberalen Rechtsstaat nicht im Wege. Zu Recht stellte er fest, dass zwar viele Informationen, mit denen die SED-Propaganda ab 1959 offen Front machte gegen "Hitlers Blutrichter", im Kern zutreffend waren.Gleichzeitig jedoch führte die völlig überzogene Einordnung und offensichtliche Instrumentalisierung dieser Informationssplitter zum entgegengesetzte Effekt: Aus Ost-Berlin angegriffene NS-belastete Beamte konnten gerade in den Attacken so etwas wie eine Entschuldigung sehen. Im Gegensatz zum verbreiteten Fehlurteil hat die vergangenheitspolitische Offensive der DDR also die Aufarbeitung in der Bundesrepublik werde angestoßen noch beschleunigt, sondern im Gegenteil massiv behindert.

    Gab es eine Alternative zum Rückgriff auf die belasteten Ministerialbeamten? Die DDR mit ihrem Modell des "Volksrichters" hatte ja in kurzer Zweit in eine zweite Diktatur geführt. Und eine "bürgerliche Gegenelite" habe es nicht gegeben. Dennoch formulierte Herbert vage, es habe andere Möglichkeiten gegeben. Schon deshalb darf man auf Ergebnisse der Görtemaker-Safferling-Kommission gespannt sein.

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    Interview mit der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" vom 19. Januar 2012 zur Einsetzung der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission beim Bundesministerium der Justiz zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit
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    ?Die Personalakten sind pures Dynamit?
    Der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker über die Aufarbeitung der NS-Geschichte des Bundesjustizministeriums


    Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat den Historiker Manfred Görtemaker und den Rechtswissenschaftler Christoph Safferling mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte des Ministeriums beauftragt. Mit Görtemaker sprach Rüdiger Braun

    MAZ: Das Buch "Das Amt" über die Geschichte des Auswärtigen Amtes war ein Bestseller. Könnte aus den Erkenntnissen Ihrer Kommission auch etwas Aufsehenerregendes entstehen?

    Manfred Görtemaker: Auf jeden Fall ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bereich der Justiz ein ebenso problematisches Unterfangen wie es das beim Auswärtigen Amt seinerzeit war. Wir sind aber nicht auf eine spektakuläre Publikation aus, sondern wollen versuchen, eine Aufarbeitung vorzunehmen, die der Sache gerecht wird.

    MAZ: War das Justizministerium noch tiefer in die Verbrechen des Regimes verstrickt als das Auswärtige Amt?

    Görtemaker: Das Auswärtige Amt hat sich ja immer als eine Art Widerstandsorganisation betrachtet, in dem sachgerecht Diplomatie betrieben wurde. Das war natürlich eine Selbsttäuschung oder sogar eine glatte Lüge, denn in einem totalitären Staat kann sich niemand den Zumutungen des Regimes entziehen. Im Bereich der Justiz hat es die Unterstellung, hier sei Widerstand geübt worden, gar nicht erst gegeben. Das Justizministerium war ganz und unmittelbar in das System des Nationalsozialismus einbezogen. Interessant und offen ist jedoch, inwieweit das in die Bundesrepublik hineingewirkt hat. Es geht dabei nicht nur um Personen, die wieder auftauchten, sondern auch um den Einfluss nationalsozialistischen Gedankengutes aus dem früheren Ministerium auf das materielle Recht der Bundesrepublik.

    MAZ: Wer konnte sich in der Behörde weiter behaupten?

    Görtemaker: Es gibt bekannte Namen wie Franz Maßfeller, der Kommentator der Rassegesetze war und später als Ministerialdirektor im BMJ arbeitete, und natürlich Walter Roemer, der an der Verurteilung und Hinrichtung von Sophie Scholl aus der Widerstandsgruppe der Weißen Rose beteiligt war. Beim Bundesgerichtshof ist die Zahl der Richter, die bereits in der NS-Justiz tätig waren, bis zum Jahr 1962 auf immerhin 77 Prozent gestiegen. Da gibt es noch sehr viel Aufarbeitungsbedarf.

    MAZ: Was sind aus Ihrer Sicht die dicksten Fische, die in der jungen Bundesrepublik weiter wirkten?

    Görtemaker: Das ist im Moment noch schwer zu sagen. Wir werden zunächst sehr sorgfältig an den Biografien arbeiten müssen. Ich möchte hier jedoch zwei Beispiele nennen. Eduard Dreher war 1. Staatsanwalt am Sondergericht Innsbruck und Mitwirkender an Todesurteilen, dann aber von 1951 bis 1969 im BMJ tätig. Ernst Kanter war Generalrichter im besetzten Dänemark und wirkte an 103 Todesurteilen mit. Nach dem Krieg war er bis 1953 Ministerialdirigent im BMJ. Es geht aber nicht nur um die Personen selbst, sondern auch darum, festzustellen, welche Kriterien im BMJ bei Einstellungen und Beförderungen angewandt wurden. Ein sehr wichtiges Thema ist auch der Bereich von Amnestie und Verjährung, durch die einzelne Personen und ganze Personengruppen von der Strafverfolgung ausgenommen wurden.

    MAZ: Wie lange wurden Personen aus der Zeit des Nationalsozialismus noch beschäftigt?

    Görtemaker: Erst einmal müssen wir feststellen, wie groß dieser Personenkreis war. Das weiß niemand genau. Was die Dauer der Beschäftigung angeht, gibt es Personen, die bis Ende der 50er, in Einzelfällen bis Ende der 60er Jahre im BMJ tätig waren. Das hängt teilweise vom Alter ab, da sie dann pensioniert wurden, manchmal aber auch von den Informationen, die über diese Personen vorhanden waren. Wir beschäftigen uns in der Kommission vor allem mit der "Rosenburg", dem ersten Dienstsitz des Bundesjustizministeriums in den 50er und 60er Jahren, weil wir davon ausgehen, dass es Ende der 60er Jahre eine Zäsur gegeben hat, nach der sich kaum noch belastete Personen im Dienst des BJM befanden.

    MAZ: War diese Zäsur nur biologisch bedingt oder gab es auch gesellschaftlich eine Zäsur?

    Görtemaker: Wir gehen davon aus, dass die Zäsur vor allem biologisch bedingt war. Aber das sage ich mit Vorbehalt. Wir wissen einfach in vielen Fällen nicht, welche Personen überhaupt belastet waren, wie und warum man sie in der Bundesrepublik überhaupt noch beschäftigt hat und wann sie letztlich ausgeschieden sind.

    MAZ: Warum ist erst eine Kommission nötig, um weiße Flecken wie diese auszufüllen? Der Nationalsozialismus gilt doch als gut erforschte Epoche.

    Görtemaker: Es gibt tatsächlich kaum einen Teil der deutschen Geschichte, der so gut erforscht ist wie die Zeit zwischen 1933 und 1945. Das gilt aber nicht für die Ministerien und ihre NS-Vergangenheit. Das hängt damit zusammen, dass die Personalakten bisher in der Regel nicht zugänglich waren. Die sind zum Teil noch in den Ministerien vorhanden, auch mit der Begründung, dass diese Akten immer noch gebraucht würden. Aber es hat sicher auch ein mangelndes historisches Bewusstsein oder einfach mangelnde Bereitschaft gegeben, diese Dinge selbst aufzuarbeiten, um das eigene Nest nicht zu beschmutzen. Dabei ist der Bereich der Justiz besonders sensibel, weil es hier nicht zuletzt um Fragen der rechtlichen Moral geht. Da hat die jetzige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sicher einen wichtigen neuen Akzent gesetzt. Aber natürlich hätte man schon sehr viel früher mit der Aufarbeitung beginnen müssen.

    MAZ: Gab es denn einen nationalsozialistischen Ungeist, der in Gesetzen, Entscheidungen, Prozessen nachgewirkt hat?

    Görtemaker: Wenn Sie eine Person wie Josef Schafheutle nehmen, der im Reichsjustizministerium für politisches Strafrecht zuständig war und nach dem Krieg im BMJ Abteilungsleiter für Strafrecht wurde, dann können Sie davon ausgehen, dass er sein nationalsozialistisches Gedankengut 1945 nicht einfach auf den Müll gekippt hat. Mit anderen Worten: Personelle Kontinuität könnte auch zu inhaltlicher Kontinuität geführt haben. Ähnlich sieht es wohl im Bereich des Familienrechts aus. Doch wir müssen vorsichtig sein und zunächst genauer hinschauen. Vorwegnehmen können wir nichts.

    MAZ: Wann geht es los mit der wissenschaftlichen Arbeit?

    Görtemaker: Am 26. April findet im Bundesministerium der Justiz eine große Konferenz zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit statt. Vom Ausgang dieser Konferenz hängt auch ab, wie wir die Arbeitsaufträge im Einzelnen gestalten.

    MAZ: Sind diese Kommissionen die letzte Aufräumarbeit zur NS-Vergangenheit?

    Görtemaker: Im Innenministerium gibt es ähnliche Bestrebungen wie jetzt im Justizministerium. Für den Bundesnachrichtendienst wurde Wolfgang Krieger beauftragt, eine Kommission einzurichten. Im BJM leite ich die Kommission gemeinsam mit meinem Kollegen Christoph Safferling, der in Marburg Rechtswissenschaften lehrt. Ich gehe davon aus, dass andere Ministerien folgen werden. Wir stehen da noch ziemlich am Anfang, weil neue Erkenntnisse nur auf der Grundlage der Akten zu gewinnen sind, die bisher nicht zugänglich waren. Vor allem die Personalakten sind pures Dynamit. Davon haben wir schon einen ersten Eindruck erhalten.


    Potsdamer Neueste Nachrichten, 11. November 2011

    ?Wir haben auch leere Aktendeckel gefunden?

    "Die Stasi-Überprüfungen waren nur das kleinere Problem" - Uni-Historiker Manfred Görtemaker über das Enquete-Gutachten zu den Hochschulen, die Lage 1995 und gescheiterte Personalpolitik


    IllustrationHerr Görtemaker, das Enquete-Gutachten zur DDR-Aufarbeitung an den Hochschulen von Jens Hüttmann kommt zu einem positiven Ergebnis.

    Dass das Gutachten sehr positiv ausfällt, ist im Prinzip nicht falsch. Das habe ich vor der Enquete-Kommission auch so dargestellt. Das jetzige Gutachten besitzt aber den Tenor, dass die Weichen damals allesamt richtig gestellt wurden. Dies war leider nicht so. Ich habe 1993 bei meiner Kandidatur zum Prorektor das ungelöste Personalproblem in den Mittelpunkt meiner Erklärungen gerückt und 1995 eine Dokumentation vorgelegt, um mit Fakten und Zahlen zu belegen, wie die Entwicklung verlaufen ist. Da gab es zum einen die nicht wirklich erfolgten Stasi-Überprüfungen. Es war undurchsichtig, woran das lag. An der Uni sagte man, die Anträge seien gestellt, im Ministerium waren die aber nicht angekommen, in der Gauck-Behörde schon gar nicht. Wir haben dann die Sache auf Null gestellt. Ich habe mir ein Mandat geben lassen, um die vorgeschriebenen Überprüfungen auch vorzunehmen. Das war aber nur das kleinere Problem.

    Inwiefern?

    Es gab noch ein riesiges Problem im akademischen Mittelbau, der nahezu komplett aus der Pädagogischen Hochschule übernommen worden war. Hier ging es vor allem um die Qualifikation. Die Betroffenen hielten sich alle für qualifiziert. Doch eine Pädagogische Hochschule funktioniert anders als eine Universität; die Forschung steht nicht so sehr im Mittelpunkt. Zudem saßen die Übernommenen nahezu alle auf Dauerstellen, da der Paragraph 106a des Brandenburgischen Hochschulgesetzes von 1992 es ihnen erlaubte, in den alten DDR-Verträgen zu verbleiben. Ich habe damals gesagt, dass es unter diesen Bedingungen keinen nennenswerten Personalaustausch im akademischen Mittelbau geben kann. Und das bedeutete, dass wir auf Jahrzehnte hinaus dem wissenschaftlichen Nachwuchs keine Chance geben konnten, weil die Stellen blockiert waren.

    Ihre Lösung?

    Ich habe damals vorgeschlagen, allen Mitarbeitern einen neuen Vertrag zu geben - mit einer Befristung auf drei plus zwei Jahre. Nach spätestens fünf Jahren hätte dann eine Entscheidung über eine ordentliche Berufung fallen müssen. So wie es im normalen Universitätsbetrieb üblich ist. Das ist aber komplett gescheitert. Deswegen ist das Personalproblem an der Universität Potsdam zumindest im akademischen Mittelbau nicht gelöst worden. Bei den Professoren gab es aufgrund der Altersstruktur weniger Probleme, da viele Kollegen relativ bald in den Ruhestand gingen.

    IllustrationWas war mit der politischen Belastung der übernommenen Mitarbeiter?

    Das wurde, was die Tätigkeit für die Staatssicherheit der DDR anbelangte, mehr oder weniger geklärt. Aber diese Art der Belastungen waren eben nur ein Teil des Personalproblems. Das kommt im Gutachten von Herrn Hüttmann ein wenig zu kurz. Ein Mittelbau, der weitgehend auf Dauerstellen sitzt, ist jedoch gravierend für die Entwicklungsfähigkeit und Qualität einer Hochschule. So konnte die Nachwuchsförderung nicht funktionieren.

    Wie wurde damals darauf reagiert?

    Wir haben außerhalb der Uni-Struktur eine große Zahl außeruniversitärer Einrichtungen geschaffen, die mit der Hochschule über ihre jeweiligen Direktoren personell verbunden waren. In diesen Einrichtungen konnten dann mit Projektmitteln viele wissenschaftliche Mitarbeiter befristet eingestellt werden, die auch für Lehre und Forschung an der Universität zur Verfügung standen. Damit wurde das Problem der mangelnden Flexibilität im Mittelbau zumindest entschärft. Wenn wir heute damit gut leben können, dann nicht wegen der Weisheit der Landesregierung, sondern weil alternative Wege beschritten wurden, die sich als richtig erwiesen.

    Wie viele Mitarbeiter waren übernommen worden?

    In der Brandenburgischen Landeshochschule waren zum Zeitpunkt ihrer Gründung im Oktober 1990 647 wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Bei der Gründung der Universität Potsdam am 15. Juli 1991 wurden davon 548 Mitarbeiter übernommen. Im wesentlichen handelte es sich um Mitarbeiter aus der ehemaligen Pädagogischen Hochschule "Karl Liebknecht", wo nahezu der gesamte Mittelbau übernommen wurde. Ganz wenige kamen auch von der Akademie für Staat und Recht in Babelsberg, der ehemaligen Diplomatenschule der DDR. Eine wirkliche personelle Erneuerung im Mittelbau war deshalb zunächst nur schwer möglich. Und das wirkt bis heute fort.

    IllustrationMit welchen Folgen?

    Ein zentraler Kritikpunkt an dem Hüttmann-Gutachten ist ja, dass es zwar viele Lehrveranstaltungen zum Thema DDR gibt. Doch es wurde nicht nach den Inhalten gefragt. Wenn Veranstaltungen zur DDR von den ehemaligen PH-Dozenten angeboten werden, könnten sie durch alte Mentalitäten geprägt sein. Politische Mentalität und Inhalte lassen sich doch kaum voneinander trennen. Ob dies tatsächlich auch heute noch so ist, lässt sich allerdings schwer sagen. Hier bedürfte es einer genaueren Untersuchung.

    Sie waren in diesem Sommer in der Mangelsdorf-Kommission, die nach Stasi-Vorwürfen der Uni-Sprecherin das Vertrauen ausgesprochen hat.

    Dazu kann ich nichts sagen. Ich war zwar formal Mitglied der Kommission, habe aber an der Sitzung nicht teilgenommen, weil ich zu dieser Zeit im Ausland war.

    Es gibt bis heute Kritik an Ihrem damaligen Bericht, die Rede ist von Personalwäsche.

    Ich habe den Bericht 1995 geschrieben, um für die Nachwelt zu dokumentieren, wie wir damals mit dem Personalproblem umgegangen sind - auch hinsichtlich zahlreicher Punkte, die wir nicht lösen konnten und mit denen ich nicht einverstanden war. Aber man darf auch nicht schwarz-weiß malen. Man darf nicht nur auf Einzelfälle schauen. Sonst besteht die Gefahr, dass man das Ganze nicht mehr sieht. Die Kritiker tun genau dies: Sie verweisen auf Einzelfälle, die es sicherlich gibt - eine Handvoll Leute, die mit der Stasi zusammengearbeitet haben, denen man dies aber nicht nachweisen konnte. Doch diese Leute waren nie das Problem. Entscheidend war der große Altbestand im Mittelbau auf Dauerstellen, der die wissenschaftliche Innovationsfähigkeit beeinträchtigte.

    Aber die übernommenen Mitarbeiter hatten doch auch Qualifikationen.

    Natürlich gab es viele Mitarbeiter, die sehr qualifiziert waren - aber längst nicht alle, weil eine Universität, wie ich schon sagte, doch etwas anderes ist als eine Pädagogische Hochschule. Um die tatsächliche Qualifikation festzustellen, wurden mehrere fachliche Evaluierungen durchgeführt. Die erste Evaluierung dieser Art war ein totaler Fehlschlag. Da wurde lediglich die formale Qualifikation abgefragt. Das Ergebnis war vorhersehbar: Alle waren für die Position, die sie einnahmen, formal qualifiziert. Dies sagte jedoch nichts über die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit aus. Wir haben dann eine zweite fachliche Evaluierung durchgesetzt, die sehr viel gründlicher war. Danach wurden, wenn ich mich richtig erinnere, 78 Mitarbeiter zur Kündigung vorgeschlagen, weil sie nicht qualifiziert schienen. Das wurde uns vom Ministerium verweigert - die wollten niemanden kündigen. Ich habe damals gesagt, dass die Universität Potsdam zur Landesversorgungsanstalt Brandenburgs verkomme, wenn es nur darum gehe, die Mitarbeiter in Lohn und Brot zu halten, anstatt nach der Qualifikation zu fragen. Vielleicht gab es eine seltsame Koalition zwischen Manfred Stolpe und Regine Hildebrandt - die wollten einfach niemandem kündigen. Die Gesamtlage war ja schwierig genug. Wir mussten danach aber viele Mitarbeiter mitschleppen, die an einer Universität eigentlich nichts zu suchen hatten und entlassen gehört hätten.

    Was war mit der Administration?

    Auch in der Verwaltung wurde ein Großteil des Personals der Vorgängereinrichtungen übernommen. Da ging es allerdings weniger um Kompetenz als um Mentalität. Die früheren Einrichtungen hatten auf eine Weise funktioniert, die mit demokratischen Institutionen nichts zu tun hatte. Das hat sich nach 20 Jahren aber verlaufen.

    Warum waren die Unterlagen zur Stasi-Überprüfung seinerzeit nicht bei der Gauck-Behörde angekommen?

    Offensichtlich hatte seitens der Gauck-Behörde keine Untersuchung stattgefunden. Entweder waren die Unterlagen dort nie angekommen, oder die Anträge waren nie gestellt worden. Alle schoben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu: Das Ministerium, die Universität, die Behörde. Ich habe dann mit Unterstützung des Rektorats durchgesetzt, die Überprüfung zu wiederholen. Alle Anträge - West wie Ost - wurden neu gestellt.

    Sie haben die Akten dann selbst in die Hand genommen.

    Innerhalb von sechs Wochen hatten wir sechs Aktenordner zusammengestellt. Ich bin dann mit meinen beiden Prorektor-Kollegen Wolfgang Loschelder und Gerhard Kempter ins Ministerium gefahren. Dort gab es eine ziemliche Überraschung. Ich dachte, wir übergeben die Unterlagen einfach. Doch dort standen wir einer ganzen Riege von Mitarbeitern gegenüber - eine konfrontative Situation. Man bedankte sich bei uns und wollte die Unterlagen in Empfang nehmen. Ich habe dann aber Nein gesagt. Schließlich waren die Akten schon einmal verschwunden. Ich habe vorgeschlagen, dass ich mit einem Vertreter des Ministeriums die Anträge persönlich zur Gauck-Behörde bringe. Andernfalls würde ich mich in der Sache an die Presse wenden.

    Und?

    Wir sind noch am selben Tag mit einem Wagen des Ministeriums nach Berlin gefahren und haben die Akten direkt bei der Gauck-Behörde abgegeben. Innerhalb der nächsten Wochen gab es dann zahlreiche freiwillige Abgänge von der Uni. Viele hatten plötzlich einen neuen Job gefunden und verschwanden.

    Also war tatsächlich in der Gründungszeit eine größere Zahl von politisch belasteten Personen an die Uni gekommen?

    Davon gehe ich aus. Das war eine zweischneidige Sache. Gründungsrektor Mitzner hat viele Personalgespräche geführt und wohl auch sehr viele Professoren und Mitarbeiter überredet, zu gehen. Aber viele sind einfach in die Uni hinübergerutscht. Das ist bei einem derart komplizierten Transformationsprozess auch normal. Doch irgendwann muss man das Problem angehen. Das haben wir versucht, auch wenn wir es nicht perfekt lösen konnten. Wir haben die Anträge ohne Ausnahme gestellt und eine Personalkommission zur Einzelfallprüfung gebildet. Wir haben aber auch leere Aktendeckel gefunden. Dann konnte man nichts machen, auch wenn man ahnte, dass sich dahinter etwas verbarg. Das muss eine Gesellschaft aushalten.

    Kritiker behaupten, der folgende Rektor Wolfgang Loschelder habe das vertuschen wollen, seiner eigenen Mehrheit willen.

    Für Herrn Loschelder lege ich meine Hand ins Feuer. Er hat die Personalgespräche geführt und im Einzelfall auch das Ausscheiden von Mitarbeitern bewirkt. Er ist ein klassischer Jurist, der seine Arbeit ordentlich gemacht hat. Er hat auch nicht mit den alten Eliten gekungelt. Das hatte er gar nicht nötig, denn er hatte immer seine Mehrheiten. Wenn es anders gewesen wäre, müssten seine Kritiker dies erst beweisen.

    Das Gespräch führte Jan Kixmüller

    Manfred Görtemaker ist seit 1992 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Er berichtete unlängst der Enquete-Kommission von der personellen Erneuerung der Uni.

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    Zeitzeugen über US-Präsident Ronald Reagan: Pragmatischer Optimist

    Richard Burt, US-Botschafter zu Reagans Zeiten, Markus Meckel, 1990 Außenminister der DDR, Tagesspiegel-Herausgeber Gerd Appenzeller und der Historiker Manfred Görtemaker diskutieren auf einer Veranstaltung des Tagesspiegels und der Amerikanischen Botschaft am 8. Februar 2011 in der Commerzbank am Pariser Platz über die Politik Reagans, der am 7. Februar 2011 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: Mike Wolff


    Krisensitzung im Oval Office: Die Öffentlichkeit tobt, der Kongress ist empört, Ronald Reagan bittet die engsten Berater in sein Büro. Es ist 1985, Bundeskanzler Helmut Kohl hat den 40. Präsidenten der USA gerade nach Deutschland eingeladen. Auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg sollen die beiden Staatschefs gemeinsam der Opfer des Zweiten Weltkriegs gedenken. Das Problem: In Bitburg liegen auch SS-Männer. "Kohl ruft in 20 Minuten an, was soll ich ihm sagen?", fragt Reagan. Alle Berater raten ihm dringlich von der Reise ab. Dann klingelt das Telefon. "Helmut, wir waren einmal Feinde, nun sind wir Freunde. Wir sind solide und starke Partner, auch in der Zukunft. Auch in Bitburg." Er legt den Hörer auf, schaut in die verdutzten Gesichter seiner Berater. "Bringt mich nie wieder in so eine verdammte Situation."

    Es sind solch kleine Anekdoten, die vielleicht am besten ein Bild von Ronald Reagan zeichnen. Ein Mann mit Überzeugung, ein weitsichtiger Mann, ein pragmatischer. Aber vor allem ein unverbesserlicher Optimist. "Er glaubte fest daran, dass die Mauer irgendwann fallen würde", sagte Richard R. Burt, damals US-Botschafter in Deutschland, auf einer Diskussion des Tagesspiegels und der Amerikanischen Botschaft in der Commerzbank am Pariser Platz - nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Reagan 1987 seine legendäre Rede hielt. "Die wenigsten haben an die deutsche Einheit geglaubt", sagte Burt. "Selbst meine Freunde haben mir damals gesagt: Ihr Amerikaner, hört auf, über die Wiedervereinigung zu sprechen. Das wird nicht passieren."

    IllustrationAber es passierte, nur zwei Jahre nach Reagans "Tear down this wall"-Rede. Doch welchen Anteil der Präsident daran hatte, ist umstritten - auch bei den Diskutanten am Montagabend. "Die konkreten Veränderungen in unserem Land hat nicht Reagan gebracht und auch nicht Gorbatschow. Sondern eine friedliche Revolution aus der Mitte des Volks heraus", sagte Markus Meckel, Oppositioneller in der DDR, kurz vor der Wiedervereinigung für fünf Monate Außenminister und anschließend 19 Jahre SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. "Mich hat Reagan schon damals nicht überzeugt. Er hat meist schwarz-weiß gedacht und Politik vorbei am Kongress gemacht", sagte Meckel. "Rechtsfragen waren während seiner Amtszeit nicht so wesentlich wie die Aufrechterhaltung des Feindbilds Sowjetunion."

    Doch vielleicht bedurfte es gerade dieser politischen Zuspitzung in Zeiten des Kalten Krieges. Den Gegner kleinreden, um selbst wieder größer zu erscheinen. "Die USA mussten ihre eigene Stärke wiederherstellen, um die Sowjetunion zurück an den Verhandlungstisch zu holen", sagte Manfred Görtemaker, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. "Die amerikanische Politik ist auch nicht mit der deutschen zu vergleichen. Sie ist immer eine Mischung aus Missionarismus und Realpolitik."

    In der deutschen Realität wurde Reagan vor allem mit Vorurteilen konfrontiert. Seine Besuche wurden von Protesten begleitet: Da kommt der Schauspieler, der keine Ahnung von Politik hat. Der nur große Reden schwingt.

    Doch geschauspielert habe er im Amt nicht, im Gegenteil, sagte Ex-Botschafter Burt. Authentisch sei er gewesen, überparteilich. Gegenüber den einfachen Bürgern ebenso wie den Politikern. "Reagan konnte Brücken bauen zwischen Menschen", sagte Burt. "Heute ist es doch schon schwierig, Republikaner und Demokraten überhaupt friedlich in einem Raum zu versammeln."

    Ronald Reagan, der Antreiber, der Idealist, der Zuversichtliche. Sein Volk hat ihn im Rückblick ins Herz geschlossen. Auf der Beliebtheitsskala aller Präsidenten rangiert er auf Platz eins - vor John F. Kennedy und Abraham Lincoln.

    Eine Platzierung, von der Barack Obama, 44. Präsident der USA, derzeit nur träumen kann. Ex-Botschafter Burt glaubte zu wissen, woran es fehlt: "Obama braucht die Magie, die Reagan ausstrahlte." Obama müsse nur von Reagan lernen. "Dann wird er 2012 auch wiedergewählt."

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    Märkische Allgemeine Zeitung, 26. März 2009

    ?Die Spaltung war unvermeidbar?


    Illustration60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall:
    Der Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker über 1949 und 1989


    In diesem Jahr werden zwei Jubiläen gefeiert: die Gründung der Bundesrepublik 1949 und der Fall der Mauer 1989. Mit Manfred Görtemaker sprach Joachim Riecker über beide Ereignisse.

    MAZ: Herr Professor Görtemaker, wie würden Sie die Bedeutung des Jahres 1949 für Deutschland beschreiben?

    Görtemaker: Es waren zwei Entwicklungen, die damals zusammentrafen: die Zuspitzung des Ost-West-Konflikts, etwa bei der sowjetischen Blockade Berlins, und die Gründung der Bundesrepublik und der DDR, die damit zusammenhing und als Folge des Kalten Krieges unvermeidbar war.

    MAZ: Was waren die wichtigsten Ursachen für die Gründung dieser beiden Staaten?

    Görtemaker: Unmittelbar nach Kriegsende wollten die Alliierten Deutschland vor allem bestrafen. Davon sind sie aber aus zwei Gründen schnell abgerückt: Zum einen, weil sich zwischen den früheren Kriegsgegnern Deutschlands der Kalte Krieg entwickelte. Und zum anderen, weil sie merkten, dass Europa ohne ein lebensfähiges Deutschland nicht wieder aufzubauen war. Zum wirtschaftlichen Wiederaufbau musste zwangsläufig der politische Wiederaufbau treten. So entstand die Bundesrepublik und als Reaktion darauf die DDR.
    Illustration
    MAZ: Wäre die Teilung vermeidbar gewesen? Bei der Potsdamer Konferenz hatten sich die Alliierten 1945 schließlich noch darauf geeinigt, Deutschland gemeinsam zu verwalten und zu demokratisieren.

    Görtemaker: Genau da lag das Problem. Bei den Westmächten und in der Sowjetunion gab es völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber, was unter "Demokratisierung" zu verstehen sei. Die West-Alliierten wollten freie Wahlen, Gewaltenteilung und alles andere, was zur westlichen Demokratie gehört. Stalin hingegen dachte an einen "demokratischen Zentralismus", der letztlich eine Ein-Partei-Diktatur bedeutete. Die Spaltung war damit nicht zu verhindern.

    MAZ:Warum konnte Österreich neutral und ungeteilt bleiben, obwohl es ebenfalls von den Siegermächten besetzt worden war?

    Görtemaker: Der langjährige sowjetische Außenminister Andrej Gromyko hat diese Frage klar beantwortet. Er verwies darauf, dass Österreich ein kleines Land sei. Wenn es sich irgendwann im Kalten Krieg entschieden hätte, die Neutralität aufzugeben und sich dem Westen anzuschließen, hätte die Sowjetunion das akzeptieren können. Bei Deutschland war dies anders. Deshalb wollte die Sowjetunion den Teil Deutschlands nicht aufgeben, den sie 1945 unter ihre Kontrolle gebracht hatte.

    MAZ: 1945 hatten die Deutschen schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahrzehnte einen Weltkrieg verloren. Warum konnte nun gelingen, was nach 1918 gescheitert war?

    Görtemaker: Die Deutschen brauchten einen zweiten Weltkrieg, um zu begreifen, dass sie schon den ersten verloren hatten. Sie hatten in ihrer Mehrheit die Niederlage 1918 nicht akzeptiert, weil Deutschland nicht besetzt und nicht zerstört war und Hindenburg die Dolchstoßlegende in die Welt setzen konnte. Sie war barer Unsinn, wurde aber von vielen Menschen geglaubt. 1945 war die Niederlage hingegen so total, dass niemand mehr behaupten konnte, man sei "im Felde unbesiegt" geblieben. Deshalb waren die Voraussetzungen für einen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg besser als 1918.

    MAZ: Ging die Gründung der DDR wirklich nur auf sowjetischen Druck zurück? Gab es nicht auch im Osten viel Idealismus, so dass man die DDR als richtige Lehre aus der Nazi-Katastrophe empfand?

    Görtemaker: Es gab diesen sozialistischen Idealismus ohne Frage. Doch er war nach meiner Überzeugung nie mehrheitsfähig. Das ist auch der Grund, warum es nach dem Herbst 1946 bis 1990 nie wieder freie Wahlen in der SBZ oder der DDR gab. Hätte die Mehrheit der Menschen den Sozialismus akzeptiert, wäre die SED 1961 nicht gezwungen gewesen, die Mauer zu bauen.

    MAZ: Hätte es nach 1949 noch einmal eine Chance gegeben, die Teilung wieder rückgängig zu machen? Etwa durch die Stalin-Noten 1952?

    IllustrationGörtemaker: Wir wissen heute zweifelsfrei, dass die Stalin-Noten nur den Zweck verfolgten, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu verhindern. Stalins Ziele waren klar. Er wollte das sozialistische System so weit wie möglich nach Westen ausdehnen, bis an den Rhein oder sogar bis an den Atlantik. Wenn das aber nicht gelingen würde, so wollte er wenigstens die DDR behalten. Da gab es für ihn und seine Nachfolger keinen Kompromiss. Bis 1985 Michail Gorbatschow kam.

    MAZ: Bis heute gibt es Streit darüber, worauf die Wende 1989 bis 1991 im Kern zurückzuführen ist. Auf die Entspannungspolitik der 70er Jahre oder auf den Druck, den vor allem Ronald Reagan in den 80er Jahren auf die Sowjetunion ausgeübt hat. Darüber haben sich sogar schon Außenminister Frank-Walter Steinmeier und seine frühere US-Kollegin Condoleezza Rice gestritten.

    Görtemaker: Condoleezza Rice hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, aber fast ausschließlich aus amerikanischer Sicht, so dass ihre Bewertung etwas einseitig ist. Die Entspannungspolitik hat entschieden dazu beigetragen, die im Kalten Krieg entstandenen Feindbilder aufzulockern. Für die Charta 77 in der Tschechoslowakei, Solidarnosc in Polen und auch die Bürgerbewegungen in der DDR war das eine wichtige Voraussetzung.

    MAZ: Zum Zusammenbruch des Ostblocks hat das allerdings nicht geführt, ...

    Görtemaker: ... war aber eine wichtige Voraussetzung dafür. Wie auch die Entscheidung des Westens, an der Nachrüstung festzuhalten und das von Reagan propagierte SDI-Programm zu entwickeln. Es hat zwar technisch nie funktioniert, ermöglichte aber die Entwicklung von "intelligenten Waffen", womit die Sowjetunion überfordert war. Gorbatschow kam daher schon Anfang der 80er Jahre zu dem Schluss, dass die Sowjetunion den militärtechnologischen Wettlauf mit dem Westen früher oder später verlieren würde und man daher die Außenpolitik umstellen müsse.

    MAZ: Bestand die Gefahr, dass die Sowjetunion zur Sicherung ihres Herrschaftsgebiets mit Gewalt reagieren würde?

    Görtemaker: Es grenzt für mich noch heute an ein Wunder, dass der Zerfall des kommunistischen Weltreiches sich von 1989 bis 1991 fast ohne Gewalt vollzog.

    MAZ: Ihre Erklärung dafür?

    Görtemaker: Sie hat vor allem zwei Namen: Gorbatschow und Schewardnadse. Da beide glaubten, man könne die Sowjetunion durch Reformen retten und zugleich ein europäisches Haus errichten, kam für sie der Einsatz von Gewalt nicht in Frage. Auch dann nicht, als die Entwicklung im Sommer und Herbst 1989 immer dramatischer wurde. Andere in Moskau haben damals übrigens anders gedacht. Valentin Falin etwa, der trotzdem immer noch das Image eines Reformers hat.

    MAZ: Haben die Deutschen irgendwelche grundsätzlichen Fehler gemacht, als sich 1990 die Chance zur Wiedervereinigung bot?

    Görtemaker: Nein. Natürlich wäre es in wirtschaftlicher Hinsicht besser gewesen, man hätte die D-Mark nicht zum Kurs von 1:1 eingeführt. Politisch wäre dies aber wohl kaum durchzusetzen gewesen. Auch die blühenden Landschaften gibt es ja jetzt in weiten Teilen Ostdeutschlands. Es hat nur alles etwas länger gedauert als zunächst erwartet.


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    IllustrationFilm "Unsere 60 Jahre" aus Anlass des Staatsaktes zum 60jährigen Jubiläum des Grundgesetzes im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin am 22. Mai 2009 (unter Mitarbeit Neuere Geschichte I des HI)

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