Militärgeschichte / Kulturgeschichte der Gewalt

Drittmittelprojekte

Der Rumänienfeldzug 1916/17 - Kulturtransfer und kulturelle Dominanz in Militärkoalitionen

Gefördert durch: DFG
Projektleiter: Prof. Dr. Jürgen Angelow; Prof. Dr. Bernhard R. Kroener
Bearbeiter: Gundula Gahlen, Deniza Petrova, Dr. Oliver Stein
Laufzeit: 2008?2010



Projektskizze

Das als deutsch-bulgarisches Kooperationsprojekt angelegte Vorhaben will Realität, Deutung und Bedeutung des Feldzuges deutscher, österreichisch-ungarischer, bulgarischer und türkischer Truppen gegen Rumänien 1916/17 untersuchen. Dabei sollen jene kulturellen Besonderheiten herausgearbeitet werden, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts wirksam geworden sind. Am Beispiel der nur äußerlich harmonischen Militärkoalition, deren Partner sehr unterschiedlichen Militärkulturen verpflichtet waren und die Ereignisse auch verschieden gedeutet, erinnert und instrumentalisiert haben, sollen Formen von Fremdwahrnehmung, kultureller Dominanz und Unterordnung sowie kulturelle Transfers analysiert werden. Nicht das Ereignis, sondern seine kollektive Aneignung und kulturelle Bedeutung stehen im Mittelpunkt des Interesses. Über den wissenschaftlichen Nutzen hinaus soll das Projekt Kollegen der zukünftigen EU-Beitrittsländer in internationale Netzwerke einbinden sowie mit modernen Forschungsstandards und methodischen Ansätzen vertraut machen.

Teilprojekte

Bisher sind auf deutscher Seite drei Teilprojekte bestätigt. Geplant sind weitere Themen (auch über Magisterarbeiten) sowie mehrere Teilprojekte auf bulgarischer Seite.

1.) Deniza Petrova: Tutrakan ? Realität und Kontroverse, Deutung und Bedeutung

In einer der ersten großen Kampfhandlungen im Rumänienfeldzug nehmen bulgarische und deutsche Truppeneinheiten am 6. September 1916 die rumänische Festung Tutrakan ein. Diese Schlacht ist bis heute im kollektiven Gedächtnis Bulgariens hochgradig symbolisch aufgeladen.
Das Forschungsprojekt rückt - ausgehend von der Darstellung des realen historischen Ereignisses - zunächst die kontroverse Bewertung durch die deutsche und bulgarische Perspektive in den Blick. Besondere Aufmerksamkeit verdienen hierbei sowohl die politische als auch die historiografiegeschichtliche Deutung. Gerade auf dem Balkan spielen diese beiden Aspekte eine wesentliche Rolle bei der Schaffung von Erinnerungskultur. Dabei kann ?Tutrakan? als Paradigma gelten, um die Konstruktion und Instrumentalisierung von Nationalmythen zu veranschaulichen, die sich unter bestimmten politischen und sozialen Voraussetzungen als Katalysatoren für das auf dem Balkan bis in die jüngste Gegenwart erhalten gebliebene Gewaltpotential erwiesen haben. Nicht zuletzt wird abschließend auch der Frage nach einem möglichen bulgarisch-deutschen Kulturtransfer nachgegangen. So verflechten sich reales Ereignis, divergierende Sichtweisen, nationale Mythologisierung und die weiteren Auswirkungen zu einem komplexen Gesamtbild, das in seinen wechselseitigen Bezügen und seinen bis in die Gegenwart reichenden historischen Kontinuitätslinien im Rahmen dieses Projektes erschlossen werden soll.

2.) Gundula Gahlen: Erfahrungshorizonte deutscher Kriegsteilnehmer in Rumänien im Ersten Weltkrieg

Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, die Kriegserfahrungen der deutschen Militärs auf dem Balkan während des Rumänieneinsatzes zu untersuchen und herauszuarbeiten, wie die Soldaten durch diese Zeit in Rumänien in ihrem Osteuropabild, in ihrer Kampfmoral, in ihrer Selbstsicht und in ihrer Sicht auf Feinde und Verbündete geprägt wurden. Erfahrung wird hierbei im Sinne des wissenssoziologischen Erfahrungsansatzes nicht als spezifischer Ausdruck unmittelbar-individualistischen Erlebens, sondern als Prozess verstanden, der sich auf unterschiedlichen und zugleich eng aufeinander ausgerichteten Ebenen vollzieht, so dass neben den individuellen Akteuren auch Institutionen, Vermittlungsinstanzen und Medien berücksichtigt werden. Neben der unmittelbaren Zeit in Rumänien gilt es auch die Vorprägungen der Soldaten und den Deutungswandel der Erfahrungen nach Abzug der Soldaten zu analysieren. Den unterschiedlichen Perspektiven der Kriegsteilnehmer wird durch Berücksichtigung ihrer verschiedenen Einsatzgebiete, ihrer militärischen Stellungen sowie ihrer unterschiedlichen Sozialisationen Rechnung getragen. Auszuwerten sind autobiografische Zeugnisse und ?Ego-Dokumente? im weiteren Sinne, aber auch die öffentlichen Diskurse und Bilder, die mit der Sphäre der Sinnverarbeitung durch die Soldaten verbunden waren.

3.) Dr. Oliver Stein: Das deutsche Bild von den Bulgaren und ihrer Militärkultur vor dem und im Ersten Weltkrieg und seine Nachkriegsdeutung

Die geplante Forschungsarbeit beschäftigt sich mit der deutschen Wahrnehmung, Deutung und Umdeutung der im Ersten Weltkrieg verbündeten Bulgaren im Allgemeinen sowie der bulgarischen Militärkultur im Besonderen.
Innerhalb von nur wenigen Jahren werden hier deutliche Brüche sichtbar. Deshalb nimmt die Untersuchung diachron drei Zeitphasen in den Blick: 1) Zunächst wird die Wahrnehmung während der Balkankriege 1912/13 betrachtet. In dieser Phase dominiert in Deutschland noch ein ambivalentes bis negatives Bulgarenbild. 2) Dieses schlägt in der Zeit des Ersten Weltkrieges - zumindest was die Veröffentlichungen betrifft - in eine äußert positive Darstellung des nunmehrigen Bündnispartners um. 3) Schließlich wird die teilweise Abkehr von diesem Positivbild und die nachträgliche Umdeutung des bisherigen Bulgarenbildes in der Erinnerungsliteratur der Nachkriegszeit untersucht.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Wahrnehmung im Ersten Weltkrieg. Hier werden synchron verschiedene Perzeptionsinstanzen im Blick auf unterschiedliche Formen von Wahrnehmung und Deutung analysiert. Von Interesse ist dabei die Frage, wie sich eine professionell-zweckorientierte Wahrnehmung militärischer Dienststellen, eine private und nicht primär zweckgerichtete Wahrnehmung der deutschen Soldaten und Offiziere vor Ort und schließlich die in der Regel auf propagandistische Breitenwirkung zielende Deutung der deutschen Publizistik voneinander unterschieden und in welchem Maße sie sich aber auch gegenseitig beeinflussten.
Auf diesem Weg lässt sich eine Aussage darüber treffen, wie heterogen sich die deutsche Wahrnehmung und Deutung der Bulgaren letztlich gestaltet hat und unter welchen Voraussetzungen sie sich innerhalb kürzester Zeit verändern konnte. Die herauszuarbeitenden Heterostereotype verweisen letztlich auf vorhandene Autostereotype auf der deutschen Seite.
Methodisch soll sich dem Thema mit einem kombinierten kulturwissenschaftlichen Ansatz genähert werden, bei dem sowohl die Erkenntnisse der Historischen Stereotypenforschung als auch des wissenssoziologischen Erfahrungsansatzes Berücksichtigung finden werden.


Tagungen

Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan ? Forschungsansätze und Perspektiven (21.05.2007-24.05.2007, Varna)
Tagungsbericht, url: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1601


Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan. Neue Fragestellungen und Perspektiven (12. bis 14. Oktober 2009, Wien)
Tagungsbericht, url: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2829

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